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Europa und die verlorenen Kinder


In Kürze

  • Die Zahl der Geburten ist auf einen historischen Tiefstand gefallen.
  • Der Rückgang ist in ganz Europa zu erkennen.
  • Familienförderung konnte den Trend bisher nicht stoppen.
  • Als Ursachen gelten wirtschaftliche Unsicherheit, späte Familiengründung und gesellschaftliche Veränderungen.
  • Auch Unfruchtbarkeit durch COVID-Impfstoffe wird diskutiert.

Wenn Luise an ihre Kindheit denkt, denkt sie zuerst an Lärm. An einen Esstisch, der nie groß genug war, an fünf Kinder, die sich ein Badezimmer teilten, an Ferien, in denen immer jemand weinte, lachte oder lautstark protestierte. Luise wuchs mit vier Geschwistern auf – eine Familiengröße, die in den 1970er-Jahren als „kinderreich“ galt, an der aber nichts Ungewöhnliches war.
Heute ist Luise über fünfzig. Kinder hat sie keine. Ihre ältere Schwester ebenfalls nicht. Der älteste Bruder bekam zwei Kinder. Ihr jüngerer Bruder wurde erst mit 50 Jahren Vater. Die jüngste Schwester brachte mit fast 40 ihre Tochter zur Welt. Aus fünf Geschwistern wurden am Ende vier Kinder – und die meisten kamen deutlich später zur Welt als noch eine Generation zuvor.
Luises Familie steht für einen Trend, der sich in den amtlichen Statistiken widerspiegelt. Deutschland bekommt immer weniger Nachwuchs. Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts lag die zusammengefasste Geburtenziffer 2025 bei nur noch 1,32 Kindern je Frau. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem weiteren Rückgang um 2,7 Prozent. Bereits seit 2022 sinkt die Geburtenrate kontinuierlich. Ein ähnlich niedriges Niveau wurde zuletzt 2006 erreicht. Noch niedriger lag sie lediglich nach der Wiedervereinigung Deutschlands in den 1990er-Jahren mit 1,24 Kindern je Frau.
Kurt Starke, ehemaliger Forschungsdirektor am Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig, analysiert dies in der „Berliner Zeitung“:
„1991 wurden in den neuen Bundesländern 40 Prozent weniger Kinder als 1990 geboren; 1992 auf 1991 nochmals 19 Prozent weniger. Der Rückgang der ostdeutschen Geburtenrate seit 1990 übertraf also den in den beiden Weltkriegen bei weitem.“
Damals gingen viele Ostdeutsche Frauen in den Westen und Kinderkriegen stand nicht mehr so hoch im Kurs. Die Kinder der 1990er sind heute selbst im typischen Alter für eine Familiengründung – eine vergleichsweise kleine Generation, was den Rückgang zusätzlich verstärkt.
Das Statistische Bundesamt notiert dazu:
„Die Zahl der Geburten war im Jahr 2025 infolge dieser Entwicklung auf den niedrigsten Stand der Nachkriegszeit gesunken: Nach endgültigen Ergebnissen wurden im Jahr 2025 in Deutschland 654 241 Kinder geboren.“

Teure Familienpolitik

Zu den möglichen Gründen der sinkenden Geburten sagt Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB), gegenüber „Tagesschau“:
„Kriege, wirtschaftliche Unsicherheiten, Inflation und andere Belastungen führen dazu, dass viele Menschen verunsichert sind und sich Sorgen um ihre Zukunft machen. Das kann dazu führen, dass sie ihre Kinderwünsche aufschieben oder gar nicht umsetzen.“
Längere Ausbildungszeiten, hohe Wohnkosten, berufliche Unsicherheit und veränderte Lebensentwürfe verschieben den Kinderwunsch. Manche verzichten bewusst auf Kinder, andere können ihren Kinderwunsch aufgrund biologischer oder persönlicher Faktoren nicht verwirklichen.
Kindergeld, Elterngeld, steuerliche Freibeträge, der Ausbau der Kinderbetreuung und der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz – Deutschland gibt jedes Jahr Milliarden für Familienpolitik aus und leistet sich eines der teuersten Familienfördersysteme Europas.
Dennoch werden so wenige Kinder geboren wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Das legt die Frage nahe, ob die Maßnahmen an den eigentlichen Problemen vorbeigehen.
Doch so wenig, wie Luises Familie für Deutschland ein Einzelfall ist, steht Deutschland mit seiner Entwicklung in Europa allein. Von Lissabon bis Helsinki, von Dublin bis Bukarest werden weniger Kinder geboren. Fast alle europäischen Staaten liegen inzwischen deutlich unter der sogenannten Bestandserhaltungsgrenze von 2,1 Kindern je Frau.
Was lange als nationales Problem einzelner Länder galt, hat sich zu einer gesamteuropäischen Thematik entwickelt.

COVID-Impfstoffe als Ursache?

Der ehemalige Pfizer-Toxikologe Helmut Sterz zieht als Erklärung auch Unfruchtbarkeit durch mRNA-COVID-Impfstoffe in Erwägung. In der Corona-Enquete-Kommission des Bundestages erklärte er, die Geburtenrate habe seit der Impfkampagne in allen EU-Ländern im Mittel um 17 Prozent abgenommen.
Der ehemalige SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach erklärte gegenüber Epoch Times, die Aussage von Sterz sei eine Einzelmeinung und wissenschaftlich nicht anerkannt.
Bei einer Sachverständigenanhörung in der Enquete-Kommission „Pandemie“ im sächsischen Landtag verwies Prof. Dr. Werner Bergholz als Experte für Qualitätsmanagement auf tschechische Untersuchungen von geimpften Frauen im gebärfähigen Alter. Laut den Ergebnissen hätten diese Frauen in Tschechien 60 Prozent ihrer Fruchtbarkeit im Vergleich zu ungeimpften Frauen eingebüßt.
Die Antworten der Politik auf die Geburtenkrise sind unterschiedlich. Sexualwissenschaftler Kurt Starke wundert sich, warum das Thema bisher so wenig in Politik und Öffentlichkeit reflektiert wird. Er fasst es kurz:
„Deutschland stirbt aus!“
Sparpläne der Bundesregierungen sehen sogar eine Verkürzung der Bezugsdauer des Kindergeldes vor (künftig von 14 auf zwölf Monate).
Als Vorreiter einer offensiven Familienpolitik gilt Ungarn. Der ehemalige Ministerpräsident Viktor Orbán hat in den vergangenen 15 Jahren mehr als 30 familienpolitische Maßnahmen eingeführt. So sind Frauen mit mindestens drei Kindern lebenslang von der Einkommensteuer befreit. Schrittweise soll diese Regelung auch für Mütter mit zwei Kindern geltend gemacht werden. Hinzu kommen zinsgünstige Darlehen, Wohnbauförderungen und weitere finanzielle Vergünstigungen.

Rezepte für’s Kinderkriegen

Italien verfolgt einen anderen Ansatz. Die Regierung von Giorgia Meloni – die Ministerpräsidentin ist die erste Frau und Mutter in diesem Amt – hat Familienpolitik zu einem ihrer Schwerpunkte erklärt.
Familien sollen unter anderem durch Steuererleichterungen und kostenlose Kita-Plätze ab dem zweiten Kind entlastet werden. Die bezahlte Elternzeit wurde auf zehn Monate ausgedehnt und ein „Geburtenbonus“ von 1.000 Euro pro Geburt eingeführt.
Besonders weit geht die Türkei. Präsident Recep Tayyip Erdoğan fordert seit Jahren, Familien sollten mindestens drei Kinder bekommen. 2025 erklärte seine Regierung zum „Jahr der Familie“.
Neben zinslosen Krediten und Geldhilfen für junge Familien wurde in privaten Kliniken ein Verbot medizinisch nicht notwendiger Kaiserschnitte eingeführt. Die Regierung begründet dies unter anderem damit, dass Frauen nach einer natürlichen Geburt schneller erneut schwanger werden könnten.
Auch in Schweden ist der Geburtenrückgang inzwischen zu einem politischen Thema geworden. Die bürgerlich-konservative Regierung unter Ministerpräsident Ulf Kristersson hat die Familien- und Fruchtbarkeitspolitik im Vorfeld der Parlamentswahl in den Mittelpunkt gerückt und erklärt, Paare mit unerfülltem Kinderwunsch stärker zu unterstützen.

Der rechtsbürgerliche Ministerpräsident von Schweden, Ulf Kristersson, macht Familienpolitik zum Wahlkampfthema. Der Schwedische Reichstag soll am 13. September neu gewählt werden.

Foto: via dts Nachrichtenagentur

Die Regierung hat die Zahl der staatlich finanzierten künstlichen Befruchtungen (IVF-Behandlungen) für Paare ohne Kinder von bislang drei auf sechs Versuche verdoppelt. Für den Fall einer Wiederwahl kündigte Kristersson zudem an, die Kostenübernahme künftig auch auf Behandlungen für weitere Kinder auszuweiten.

„Demografische Aufrüstung“ in Frankreich

Staatliche Priorität hat die Geburtenrate auch in Frankreich. Präsident Emmanuel Macron kündigte 2024 eine „demografische Aufrüstung“ an. Im Vergleich zu anderen Ländern in Europa hat Frankreich eine relativ hohe Geburtenrate. Das Land betreibt seit längerer Zeit eine aktive Familienpolitik. Dazu gehören Prämien für Familien mit mindestens zwei Kindern oder Steuervorteile. Neu ist, dass die französische Regierung jungen Menschen eine Fruchtbarkeits­untersuchung bezahlt.
Den französischen „Plan National Fertilité“, die staatliche Strategie, die dem Rückgang der Geburtenzahlen entgegenwirken soll, hat Samir Hamamah, 71, Gynäkologe und Professor für Reproduktionsmedizin am Universitätsspital Montpellier, mitentwickelt. Für den Mediziner ist die Babykrise „eine der größten Gefahren unserer Zeit“, wie er im Interview mit der „Aargauer Zeitung“ erklärt. Hamamah stellt sich grundsätzliche Fragen:
„Wer wird die Gesellschaft tragen? Wer wird in Zukunft die Renten finanzieren? Wer wird in den Spitälern arbeiten? Wer wird Lebensmittel produzieren, Häuser bauen oder Maschinen bedienen?“

Migration als Lösung?

Migration zu fördern, um fehlende Arbeitskräfte auszugleichen, reicht für den Mediziner als Antwort auf die demografische Krise nicht aus. Es verlagere nur das Problem, so Hamamah, und entziehe anderen Ländern die kostspielig ausgebildeten Fachkräfte.
Migration kann zwar Folgen des demografischen Wandels kurzfristig abmildern, ersetzt aber keine langfristige Lösung für dauerhaft niedrige Geburtenraten. Denn auch bei Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit sinken die Geburtenzahlen seit Jahren – auch in Deutschland.
Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit bekamen 2025 im Schnitt 1,20 Kinder. Bei Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit lag die Geburtenrate bei 1,78 Kindern. Im Jahr zuvor lag sie noch um 3,3 Prozent höher bei 1,84. Das Bundesamt für Statistik fasst zusammen:
„Die Geburtenhäufigkeit der ausländischen Frauen geht seit 2017 mit Ausnahme des Jahres 2021 kontinuierlich zurück.“
Der demografische Wandel lässt sich nicht nur in den Statistiken der Behörden ablesen. Er ist auch sichtbar im Esszimmer von Luise. Wenn heute ihre Familie zu Festen zusammenfindet, braucht sie den Esstisch nicht mehr auszuziehen.