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Wiederverwendbare Raumkapseln – Europa sucht den Anschluss im Weltraum

Wenn es um die Zukunft der Raumfahrt geht, ist kürzlich oft die Rede davon, in absehbarer Zeit zum Mars zu fliegen. An dieser anspruchsvollen Mission arbeiten etwa die amerikanischen Unternehmen SpaceX und Blue Origin.
Von Europa hört man wenig. Zu Unrecht. Es gibt zum Beispiel das im Jahr 2021 gegründete deutsch-französische Raumfahrtunternehmen mit dem Namen ATMOS Space Cargo (ATMOS Weltraum-Fracht). Der Hauptsitz der Firma befindet sich im badischen Lichtenau.
Ziel des Unternehmens ist es, Fracht kostengünstig in das Weltall und wieder zurück zur Erde zu schicken – und zwar mit wiederverwendbaren Raumkapseln. Das hat bislang keine europäische Raumfahrtfirma geschafft, auch die Europäische Weltraumorganisation ESA nicht.

Foto: ATMOS Space Cargo

Mitbegründer und Chef des Start-up-Unternehmens ist Sebastian Klaus, ein ehemaliger Bundeswehroffizier der Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte in Calw. Er hat während seines Dienstes an der Universität der Bundeswehr München Luft- und Raumfahrttechnik mit dem Schwerpunkt auf NewSpace-Technologien studiert.

„Strategische Autonomie“ durch europäische Infrastruktur im Orbit

In einem Interview mit dem Magazin „StartupValley“ vor rund einem Jahr machte Klaus darauf aufmerksam: „Orbitaler Rücktransport ist nicht nur wirtschaftlich, sondern geopolitisch relevant. Ohne eigene Rückkehrkapazität bleibt Europa abhängig.“
Die Vision von ATMOS sei es, eine europäische Weltraum-Infrastruktur zu schaffen, „die zivile und sicherheitsrelevante Anwendungen gleichermaßen stärkt“, so Klaus. Als europäisches Unternehmen orientiere man sich an den Grundwerten der EU und übernehme „Verantwortung, die bei dem Aufbau einer kritischen Infrastruktur entsteht, auch im Bereich Sicherheit“.
Indem die ATMOS-Raumkapseln sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke genutzt werden können – im politischen Sprachgebrauch nennt man dies „Dual-Use“ – entstehe Synergie: Ein und dieselbe Technologie ermögliche sowohl wissenschaftlichen Fortschritt als auch „strategische Autonomie“, sagte Klaus.

Für Biomedizin und Materialforschung

ATMOS will vor allem „eine nachhaltige und umfassende Integration des Weltraums in Forschung, Fertigung und Industrie auf der Erde“ ermöglichen.
„Wir treten nicht an, um Abenteuer für wenige Superreiche zu schaffen oder Flaggen auf fremden Planeten zu pflanzen“, kündigte Klaus in dem Interview mit dem Magazin an.
Das Unternehmen möchte vielmehr kostengünstig „die unbegrenzten Möglichkeiten des Weltraums für medizinische Forschung erschließen, sowie für Tests bei Hochleistungsmaterialien, die auf der Erde für Durchbrüche sorgen“.

Sebastian Klaus, CEO von ATMOS Space Cargo.

Foto: ATMOS Space Cargo

Konkret nennt Klaus biomedizinische Forschung. Diese verlange „die höchste Präzision bei Rückführzeiten“ der Experimente sowie bei den Umweltbedingungen, die in den Weltraumkapseln herrschen.
„Wenn Zellen oder Proteine in der Schwerelosigkeit wachsen, muss der Rückflug exakt planbar sein, sonst verliert das Experiment seinen Wert“, erklärt der Raumfahrtexperte. Gleiches gelte für Tests für Halbleiter oder genereller Materialforschung.

Prototyp für Weltraumkapsel

ATMOS habe dafür den Rückkehrkapselprototyp PHOENIX 1 in weniger als einem Jahr entwickelt, sagte der Firmenchef und erklärte weiter: Normalerweise dauere eine solche Entwicklung mehrere Jahre. Aber: „Als Startup hast du keine andere Wahl als schnell zu sein. Dafür musst du die Risiken eingehen, unter realen Bedingungen Fehler machen und aus ihnen lernen – nicht aus Simulationen“, berichtete Klaus vom Vorgehen seiner Firma.
PHOENIX 1 wurde im April 2025 vom amerikanischen Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida mittels einer SpaceX-Rakete des Tech-Unternehmers Elon Musk in den Weltraum geschickt.
Eines der Missionsziele des ersten Testflugs war einen damals neuartigen, aufblasbaren Hitzeschild für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zu erproben.

Foto: ATMOS Space Cargo

Foto: ATMOS Space Cargo

Eingesetzt werden sollen die wiederverwendbaren Kapseln im erdnahen Orbit, in dem auch die Internationale Raumstation ISS in rund 400 Kilometer Höhe die Erde umkreist. Gelingt das Projekt, könnten zum Beispiel die ISS-Besatzungen mit ein und derselben Raumkapsel neue Fracht an Bord nehmen und von dort aus wiederum Fracht zur Erde schicken.
Inzwischen hat sich ATMOS mit den Typen PHOENIX 2 und 3 weiterentwickelt. Diese Weltraumkapseln sollen in der Lage sein, Nutzlasten von weniger als 100 kg bis zu mehreren Tonnen in den Weltraum zu transportieren und dort bis zu drei Monaten zu lagern.
Doch auch andere Staaten und Firmen forschen und experimentieren im Bereich der wiederverwendbaren Raumkapseln auf Hochtouren. Eine Datenbank vom September 2025 führt 69 weitere Unternehmen.

ESA entwickelt den Space Rider

Auch die von 23 Staaten finanzierte ESA entwickelt gerade mit dem Space Rider ein unbemanntes, wiederverwendbares Raumfahrzeug für den Transport und für Experimente in der Erdumlaufbahn. Laut ESA, sei der Space Rider „das erste wiederverwendbare Raumfahrzeug Europas“.
Ziel sei es, mit einem fliegenden Labor bis zu zwei Monate unbemannt im niedrigen Erdorbit verweilen können und schließlich zur Erde zurückkehren. Genauso wie bei dem Privatunternehmen ATMOS sollen im Laderaum Experimente unter Schwerelosigkeit durchgeführt werden, darunter pharmazeutische Forschung, Materialtests und Materialfertigung im All. Die Landung soll mittels eines Gleitschirms gezielt auf einer Landebahn erfolgen. Der Erstflug des Space Rider ist für 2028 geplant.
Der Fachjournalist Andrew Parsonson sieht hinter dem Wettlauf um wiederverwendbare Raumkapseln die für das Jahr 2030 vorgesehene Stilllegung der ISS. Diese – schreibt er in seinem Medium „European Spaceflight“ – dürfte nach „eine gewisse Nachfrage für kommerzielle Betreiber schaffen“, doch bleibe ungewiss, ob diese Nachfrage ausreichen werde, „um eine wachsende Zahl konkurrierender europäischer Rücktransportdienste am Leben zu erhalten“.

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