Russland hat die ukrainische Hauptstadt Kiew in der Nacht zu Sonntag mit umfangreichen Raketen- und Drohnenangriffen überzogen. Zuvor hatte Russland wegen der ukrainischen Angriffe mit Kampfdrohnen auf die russisch besetzte ukrainische Region Luhansk mit Vergeltung gedroht.
Im Nachbarland Polen erklärte das Militär auf der Plattform X, die Luftabwehr sei in Alarmbereitschaft, es steigen Militärflugzeuge auf.
600 Drohnen, 90 Raketen, drei Oreschniks
Wie die ukrainische Luftwaffe am Sonntagmorgen mitteilte, griff Russland die Ukraine mit insgesamt 600 Drohnen und 90 Raketen an. 549 Drohnen und 55 Raketen konnten abgefangen werden.
Russland hat nach eigenen Angaben in der Ukraine erneut die wegen ihrer Zerstörungskraft besonders gefürchtete neue Mittelstreckenrakete vom Typ Oreschnik eingesetzt.
Es handle sich um eine Antwort auf die „terroristischen Angriffe“ der Ukraine auf zivile Objekte in Russland, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau der Agentur „Interfax“ zufolge mit.
Das russische Verteidigungsministerium sagte, es seien nur militärische Ziele ins Visier genommen worden.
Raketen lösten Brände aus
„Leider konnten nicht alle ballistischen Raketen abgeschossen werden. Die meisten Treffer gab es in Kiew, und genau Kiew war das Hauptziel dieses russischen Angriffs“, sagte der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj. „Drei russische Raketen gegen eine Wasserversorgungsanlage, ein Markt wurde niedergebrannt, Dutzende Wohnhäuser und mehrere normale Schulen wurden beschädigt.“
Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko sagte, jeder Bezirk der Stadt habe Schäden gemeldet. Im Bezirk Schewtschenkiwsky sei demnach eine Schule getroffen, wodurch dort ein Brand ausbrach. Wegen eines Feuers in einem Geschäftszentrum hätten Menschen in einem Schutzraum festgesessen.
Klitschko teilte mit, dass es in der Hauptstadt zwei Tote und 56 Verletzte gab. In der umliegenden Region Kiew waren es laut Verwaltungschef Mykola Kalaschnyk zwei Tote und neun Verletzte.
Der Chef der Kiewer Militärverwaltung, Tymur Tkatschenko, sprach von einem Todesopfer und mindestens 20 Verletzten. Kiew sei „das Ziel eines massiven Angriffs mit ballistischen Raketen“. Das hätte „Brände und Schäden an Wohngebäuden“ verursacht. Später verkündete Tkatschenko das Ende des Luftalarms.
AFP-Journalisten hörten bis in die Morgenstunden immer wieder Explosionen. Dutzende Menschen suchten in einer Metro-Station im Stadtzentrum Schutz.
Selenskyj bestätigte Einsatz von Oreschnik
Auch die Ukraine bestätigte den Einsatz. Selenskyj schrieb in Onlinediensten, drei russische Raketen hätten eine Wasserversorgungsanlage getroffen, ein Markt sei niedergebrannt, dutzende Wohnhäuser und mehrere Schulen seien beschädigt worden und bei einem Angriff auf die zentralukrainische Stadt Bila Zerkwa habe Russland auch seine Oreschnik-Rakete eingesetzt.
Die russische Oreschnik-Rakete ist eine atomwaffenfähige Mittelstreckenrakete, die eine Geschwindigkeit von mehr als 12.000 Kilometern pro Stunde und Ziele in 3.000 bis 5.500 Kilometer Entfernung erreichen kann. Laut Russlands Präsident Wladimir Putin ist es selbst für moderne Luftabwehrsysteme „unmöglich“, die Rakete abzufangen.
Die neuartige Rakete kam – mit konventionellen Sprengköpfen bestückt – bislang zweimal gegen Ziele in der Ukraine zum Einsatz. Im vergangenen August verkündete Putin die Serienproduktion von Oreschnik-Raketen. Mitte Dezember begann die Stationierung in Belarus.
Zuvor massiver Drohnenangriff der Ukraine
Dem Angriff ging eine Warnung Putins voraus: Nach dem ukrainischen Drohnenangriff auf die russisch besetzte ukrainische Region Luhansk in der Nacht zum 22. Mai hatte Putin Kiew mit Vergeltung gedroht.
Bei dem Angriff wurde nach russischen Angaben eine Fachhochschule samt Studentenwohnheim in der Stadt Starobilsk getroffen, 18 Menschen kamen demnach ums Leben. Kiew bestreitet einen gezielten Angriff auf Zivilisten und erklärte, Ziel sei eine Drohneneinheit der russischen Armee in der Region Starobilsk gewesen.
Ukraine griff wichtigen Exportknotenpunkt für Öl an
Auch der Hafen von Noworossijsk am Schwarzen Meer wurde von Drohnen angegriffen, es brach ein Feuer aus. Herabstürzende Trümmer hätten ein Öldepot und auch das Gelände des Kraftstoffterminals getroffen. Zwei Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt.
Der Hafen von Noworossijsk in der südrussischen Grenzregion Krasnodar ist der größte Exportknotenpunkt Russlands am Schwarzen Meer: Rund ein Fünftel der per Schiff transportierten russischen Rohöllieferungen wird dort abgewickelt.
Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte am 23. Mai mit, dass in der Nacht insgesamt 348 ukrainische Drohnen abgefangen und zerstört worden seien. (afp/red)




