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Fehldiagnose Demenz? Erfahren Sie, welche Faktoren Vergesslichkeit auslösen können

Ich erinnere mich genau an den Moment, als Herr K. meine Praxis betrat. Er war 72 Jahre alt, ein Mann, der früher ganze Werkhallen leitete, Maschinen reparierte, Probleme löste, bevor andere sie überhaupt bemerkten.
Doch an diesem Morgen stand er vor mir wie ein Mensch, der sich selbst verloren hatte. Seine Hände zitterten leicht, nicht aus körperlicher Schwäche, sondern aus einer Angst, die tiefer ging als jede Krankheit. Als er sich setzte, sah er mich an, und in seinen Augen lag eine Frage, die er nicht auszusprechen wagte: „Verliere ich mich jetzt?“
Er erzählte stockend, wie er in den letzten Monaten Termine vergessen, Namen durcheinandergebracht und Wege, die er seit Jahrzehnten kannte, nicht mehr gefunden hatte. Eine neurologische Kurzdiagnose hatte zudem den Verdacht auf beginnende Demenz in den Raum gestellt.
Herr K. sagte mir, er habe sich in diesem Moment gefühlt, als würde jemand einen Vorhang über sein Leben ziehen. Und während er sprach, spürte ich, wie in mir eine Mischung aus Mitgefühl und kritischer Wachsamkeit entstand, denn manchmal fällt die Diagnose Demenz bei Vergesslichkeit im Alter zu schnell.

Die Biochemie des Vergessens ganzheitlich betrachtet

In der ganzheitlichen Medizin beginnt jede Diagnose jedoch mit der Frage: „Warum?“ Nicht: „Wie benennen wir es?“
Herr K. zeigte Symptome der Verwirrtheit und des Vergessens, die oft mit Demenz in Verbindung gebracht werden. Aber in unserem Gespräch zeigte sich beispielsweise, dass Herr K. seit Monaten schlecht schlief. Er wachte mehrmals pro Nacht auf und fühlte sich morgens wie „verkatert“.
Untersuchungen zeigen, dass fragmentierter Schlaf die Gedächtnisleistung messbar reduziert und Symptome erzeugen kann, die einer Demenz ähneln. In einem standardisierten Demenztest kommen jedoch Fragen wie „Wie viele Stunden Schlaf man nachts bekommt“ oder „Ob man gut durchschläft“ nicht vor.
Ich fragte ihn nach seinem Schlafrhythmus, nach nächtlichem Grübeln, nach Atemaussetzern, nach Medikamenten, die den Schlaf beeinflussen könnten. Zudem weiß ich: Wer Schlaf verstehen will, muss ihn messen.
In der Praxis beinhaltet das oftmals eine umfassende Diagnostik. Darunter eine Untersuchung der nächtlichen Sauerstoffsättigung, eine Analyse des Cortisol-Tagesprofils sowie die Frage nach der Melatoninproduktion, die sich indirekt über den Schlaf-Wach-Rhythmus erkennen lässt. Schon kleine Störungen können dazu beitragen, kognitive Symptome zu verstärken.

Die unterschätzte Rolle von Entzündungen, Ernährung und Lebensstil

Ebenso wichtig war ein Blick auf seine Laborwerte. Denn oft wird unterschätzt, wie stark biochemische Dysbalancen das Gehirn beeinflussen. Auch hier ist eine umfassende Diagnostik, darunter die Einbeziehung der offiziellen Leitlinien für Demenzuntersuchungen, unverzichtbar.
Im Fall von Herrn K. ließ ich folgende Werte bestimmen:
  • Vitamin D
  • Vitamin B12
  • Homocystein (ein Stoffwechselprodukt, das bei einer zu hohen Menge im Blut die Gefäße schädigen kann)
  • C-reaktives Protein (CRP) als Entzündungsmarker
  • die Schilddrüsenwerte TSH, fT3 und fT4
  • sowie die Blutzuckerregulation über HbA1c.
Eine Studie aus dem Jahr 2020, die im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurde, zeigte, dass bis zu 40 Prozent der Demenzfälle durch modifizierbare Faktoren beeinflusst werden können, die das Erkrankungsrisiko reduzieren oder verzögern, darunter auch genau jene Parameter, die bei Herrn K. nun untersucht wurden.
Als seine Laborwerte vorlagen, ergab sich für mich ein klares Bild: Vitamin D war deutlich erniedrigt, Homocystein erhöht, CRP grenzwertig, die Schilddrüse arbeitete verlangsamt.
Alles Faktoren, die das Gehirn belasten können.

Stille Entzündungen

Besonders eindrucksvoll war für mich die Primärstudie von Walker und Kollegen von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health aus dem Jahr 2017, die zeigte, dass erhöhte Entzündungsmarker wie CRP über Jahre hinweg messbare strukturelle Veränderungen im Gehirn verursachen können.
Die Forscher konnten mittels MRT nachweisen, dass chronische Entzündung nicht nur ein Begleitphänomen des Alterns ist, sondern ein aktiver Treiber neurodegenerativer Prozesse. Genau auf solche stillen Entzündungen konnte man auch anhand der Laborergebnisse bei Herrn K. rückschließen.

Ernährung

Ein weiterer oft unterschätzter Faktor ist die Ernährung. Studien belegen, dass eine mediterrane Ernährung, reich an Omega-3-Fettsäuren, frischem Gemüse, Olivenöl und Nüssen, die kognitive Leistungsfähigkeit signifikant verbessern kann. Herr K. aß hingegen oft spät, selten frisch und häufig industriell verarbeitet. Also praktisch das Gegenteil dessen, was in der mediterranen Ernährung, die besonders gut für das Gehirn gilt, empfohlen wird.

Lebensstil

Auch sein Lebensstil war ein weiterer Risikofaktor. Nach der Pensionierung hatte er sich zurückgezogen, kaum soziale Kontakte gepflegt, wenig geistige Aktivität betrieben.
Studien zeigen hingegen klar, dass geistige Stimulation, Bewegung und soziale Einbindung das Gehirn langfristig schützen – selbst bei genetischer Prädisposition für Demenz.

Der Verdacht, der sich auflöste – und die Verantwortung, die bleibt

Nach mehreren Gesprächen, einer umfassenden Anamnese und der Analyse seiner Laborwerte zeigte sich: Herr K. litt nicht an einer beginnenden Demenz. Er litt an Schlafmangel, chronischem Stress, Vitamin-D-Mangel, erhöhtem Homocystein, stillen Entzündungen und sozialer Isolation.  Ein komplexes Zusammenspiel, das reversible kognitive Symptome erzeugen kann.
Ich erklärte ihm, dass wir an mehreren Stellschrauben drehen werden:
  • Schlafhygiene verbessern
  • Abendroutine stabilisieren
  • nächtliche Atemaussetzer prüfen
  • Vitamin-D-Spiegel anheben
  • Homocystein über B-Vitamine senken
  • Entzündungen reduzieren
  • Ernährung mediterran ausrichten
  • soziale Kontakte aktivieren.
Als ich ihm dies sagte, sah ich, wie sich seine Schultern entspannten. Es war, als würde jemand den Vorhang wieder öffnen.
Als ich Herrn K. schließlich nach einigen Monaten wieder sah, war er wie ausgewechselt. Er berichtete, dass er wieder klare Gedanken fassen konnte und sich auch an Namen und Wege wieder besser erinnern konnte.

Fazit

Demenz ist eine ernste Erkrankung, aber nicht jede Vergesslichkeit ist der Beginn davon. Die ganzheitliche Medizin erinnert daran, dass das Gehirn ein Spiegel des gesamten Körpers ist.
Herr K. hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, nicht nur Diagnosen zu stellen, sondern Zusammenhänge zu erkennen. Die Wissenschaft zeigt längst, dass viele Wege in den kognitiven Verfall führen – aber einige auch wieder hinaus.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker. (Redaktionelle Bearbeitung cs)

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