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Sonne, Stil und Etikette: Sommeraccessoires im viktorianischen Zeitalter

Für die Viktorianer war die Sommergarderobe geradezu eine Kunstform und nichts davon wurde sorgfältiger ausgewählt und eingesetzt als die Accessoires. Allein die Art und Weise, wie eine Dame ihren Sonnenschirm hielt, konnte Flirtbereitschaft oder Desinteresse ausdrücken. Der Strohhut und der Spazierstock mit Griff aus Elfenbein eines Mannes erfüllten eine ganz ähnliche Funktion. Es waren nicht bloß Accessoires, sondern Elemente einer ganz eigenen Sprache.
Dieses gesellschaftliche Vokabular fand seine wichtigste Bühne bei den Spaziergängen am Nachmittag. Auf den ersten Blick handelte es sich um einen ritualisierten Spaziergang durch städtische Parkanlagen oder entlang von Strandpromenaden. Tatsächlich war es jedoch die wichtigste Gelegenheit, zu sehen und gesehen zu werden. Wohlstand, modisches Gespür und gesellschaftlicher Rang wurden dort offen präsentiert, während sich in sorgfältig inszenierten Begegnungen die streng geregelten sozialen Beziehungen des viktorianischen Lebens entfalteten. In diesem Rahmen hatte jedes Accessoire seine eigene Bedeutung. Jedes Detail zählte.
Was die viktorianische Sommermode so faszinierend macht, ist, welche Erwartungen an gewöhnliche Gegenstände gestellt wurden. Während der sechs Jahrzehnte Regierungszeit von Königin Victoria (1837–1901) wurde die stille Sprache der Accessoires immer aufwendiger. Zeitschriften und Etiketteratgeber pflegten dabei sorgfältig die Regeln und schrieben einem statusbewussten Publikum nicht nur vor, was es zu tragen hatte, sondern auch genau, auf welche Art und Weise es zu tragen war. Publikationen wie „Godey’s Lady’s Book“, „Harper’s Bazaar“ und „The Englishwoman’s Domestic Magazine“ boten Frauen Modesteckbilder und detaillierte Anleitungen für angemessenes Verhalten.

Abbildung von Damenmode aus der Ausgabe des „Godey’s Lady’s Book“ vom Juni 1865. V. l. n. r.: Das Morgenkleid, das Nachmittagskleid, das Ausflugskleid, das Morgenkostüm und ein Kleid aus weißem Organdy-Musselin.

Foto: Kean Collection/Getty Images

Es gab auch eigene Literatur für Männer. Bücher wie „The Gentlemen’s Book of Etiquette and Manual of Politeness“ waren streng strukturierte Ratgeber, die jeden Aspekt des öffentlichen Lebens im 19. Jahrhundert regelten – vom Verhalten auf der Straße bis zur Partnersuche. Dabei wurde besonderer Wert auf Klasse, moralischen Charakter und Ritterlichkeit gelegt. Sowohl für Männer als auch für Frauen waren Accessoires in diesen Publikationen mehr als nur Schmuck. Der richtige Handschuh, Hut oder Sonnenschirm galt als Ausdruck von Geschmack, Tugend und sozialem Ehrgeiz zugleich.

Der Sonnenschirm: Nicht nur ein Schattenspender

Wenige Accessoires haben jemals so viel über ihre Besitzerin ausgesagt wie der Sonnenschirm im viktorianischen Stil. Der praktische Grund, einen Sonnenschirm mitzuführen, war offensichtlich: Blasse Haut galt als Kennzeichen der wohlhabenden Klasse und als Beweis dafür, dass eine Frau nicht im Freien arbeiten musste. Sonneneinstrahlung gefährdete diese Eigenschaft. Ein guter Sonnenschirm schützte davor. Doch die Rolle des Sonnenschirms entwickelte sich schnell weit über den Sonnenschutz hinaus.
In Etiketteratgebern fanden unverheiratete Frauen detaillierte Anleitungen, wie sie den Sonnenschirm für verschlüsselte Annäherungsversuche einsetzen konnten. Je nachdem, wie er getragen, geneigt, geöffnet oder geschlossen wurde, konnte er Interesse, Gleichgültigkeit oder eine Einladung signalisieren, und das alles ohne ein einziges eindeutiges Wort.

Dieser Sonnenschirm aus den USA aus dem Jahr 1870 war darauf ausgelegt, alle Blicke auf sich zu ziehen. Er bestand aus Seide, Glas, Holz, Metall, Elfenbein und Leinen und war ein wahres Prunkstück, das bei jeder Handbewegung das Licht einfing. Kostümsammlung des Brooklyn Museum im Metropolitan Museum of Art, New York City.

Foto: gemeinfrei

Mitte des 19. Jahrhunderts sorgte Königin Victoria selbst dafür, dass der Sonnenschirm für Reisen populär wurde. Dank seines klappbaren Griffs konnte man ihn zusammenklappen und somit bequem in der Kutsche oder im Zug mitnehmen. So wurde er zu einem unverzichtbaren Begleiter für die wachsende Zahl von Frauen, die an die Küste reisten. Als in den 1840er-Jahren der Urlaub am Meer in Mode kam, entstand ein völlig neuer Absatzmarkt und die Sonnenschirmhersteller gehörten zu den Ersten, die davon profitierten.
In den 1860er-Jahren hatten sich Sonnenschirme zu äußerst raffinierten Gegenständen entwickelt. Ihre Griffe wurden aus geschnitztem Holz, Elfenbein oder Knochen gefertigt, während ihre Schirmdächer aus feiner Seide, Taft oder Baumwolle hergestellt waren. Zu den beliebtesten Modellen gehörte der Marquise-Sonnenschirm, dessen neigbares Schirmdach es Frauen ermöglichte, ihr Gesicht aus jedem Winkel zu beschatten, ohne die Körperhaltung ändern zu müssen.
In den 1890er-Jahren waren die Designs deutlich aufwendiger geworden. Die Griffe wurden länger und zu figurativen Formen geschnitzt. Zu den beliebtesten Motiven gehörten Hunde, Schwäne und botanische Motive. Die Schirme waren mit Chantilly-Spitze, mehreren Lagen Stoffrüschen oder aufwendigen Handmalereien verziert. Einige Modelle waren sogar mit austauschbaren Schirmen ausgestattet, sodass Frauen ihre Sonnenschirme an jedes neue Outfit anpassen konnten. Was als praktischer Sonnenschutz begann, wurde bis zum Ende des Jahrhunderts zu einem unverkennbaren Modestatement.

Der Fächer und das Taschentuch: Ein Gespräch in Gesten

Fächer und Taschentücher funktionierten nach ähnlichen Prinzipien und boten jeweils eine diskrete Sprache der Gesten in Situationen, in denen direkte Kommunikation tabu war. Für Frauen galt das langsame Öffnen eines Fächers, das schnelle Zuschlagen oder das Verbergen des Gesichts dahinter als wortlose Unterhaltung mit einem potenziellen Verehrer. Es war ein äußerst nützliches Kommunikationsmittel, das Frauen innerhalb der strengen Verhaltensregeln der Partnersuche eine gewisse Ausdruckskraft ermöglichte, ohne aufdringlich oder unangemessen zu wirken.
Für Männer hatte das Taschentuch eine andere, aber ebenso wichtige Bedeutung. Das Taschentuch eines Gentleman musste makellos sein, denn sein Zustand galt als Spiegelbild seiner persönlichen Ansprüche und seiner Stellung in der Gesellschaft. Etiketteratgeber betonten diesen Punkt nachdrücklich: Ein verschmutztes oder zerknittertes Taschentuch war ein Makel des Charakters eines Mannes. Ein knackig gefaltetes, sauberes Taschentuch in der Brusttasche hingegen signalisierte jene sorgfältige äußere Erscheinung, die in der angesehenen Gesellschaft vorausgesetzt wurde.
Über den rein äußerlichen Eindruck hinaus diente das Taschentuch auch als Geste galanter Höflichkeit. Einer in Not geratenen Dame ein Taschentuch anzubieten, war eine sehr intime Geste, die ein Gentleman machen konnte, ohne die Grenzen des Anstands zu überschreiten. Der in einem solchen Moment überreichte Gegenstand gewann oft eine sentimentale Bedeutung, die weit über seinen praktischen Nutzen hinausging.

Dieses Taschentuch aus dem späten 19. Jahrhundert wurde aus Leinen in den USA hergestellt. Ein makelloses Taschentuch galt als Zeichen guten Charakters. Ein mit einem Monogramm versehenes Taschentuch, das im richtigen Moment galant gereicht wurde, konnte sogar noch an Bedeutung gewinnen. Kostümsammlung des Brooklyn Museum im Metropolitan Museum of Art, New York City.

Foto: gemeinfrei

In zahlreichen Publikationen wurde diese Sprache begeistert aufgegriffen und die geheimen Botschaften, die beispielsweise durch Handschuhe, Sonnenschirme, Taschentücher oder die Platzierung von Briefmarken übermittelt wurden, aufgeführt. So stellte etwa ein Ratgeber mit dem Titel „The Mystery of Love, Courtship and Marriage Explained“ (1890) fest, dass das Flirten mithilfe von Taschentüchern rasch in Mode kam. Darin wurde festgelegt, dass eine solche Kommunikation in der Oper, auf Bällen und im Theater, jedoch nicht in der Kirche, angemessen sei.

Hüte: Stroh, Status und Sommerferien

Diese um 1838 hergestellte Haube wurde in den USA aus Baumwolle gefertigt. Breitkrempige Strohhüte waren für Frauen in der viktorianischen Zeit, die blasse Haut als Zeichen der Zugehörigkeit zur wohlhabenden Oberschicht schätzten, unverzichtbar. Dieses Exemplar aus Stroh und Baumwolle bot zuverlässigen Schutz vor der Sonne, ohne dass die Trägerin auf Eleganz verzichten musste. Metropolitan Museum of Art, New York City.

Foto: gemeinfrei

Sommerliche Kopfbedeckungen sollten modisch und zugleich funktional sein. Zwar waren kleine, dekorative Hüte während eines Großteils der viktorianischen Ära äußerst stilvoll, sie boten jedoch kaum praktischen Schutz vor der Sonne. Breitkrempige Stroh- und Schilfhüte waren für Frauen die sinnvollere Wahl bei warmem Wetter. Sie waren in der Regel so schlicht verziert, dass man sie am Strand oder bei Sportarten im Freien wie Tennis und Golf tragen konnte. Eine weitere Sommeralternative für diejenigen, die Wert auf ihren blassen Teint legten, war der Leghorn-Hut mit seiner breiten Krempe, der mit einer gewissen rustikalen Eleganz assoziiert wurde.
Eine ähnliche Geschichte erzählen die Sommerhüte für Herren. Der knackige Boater-Hut aus Stroh mit flacher Krone wurde zu einem der prägenden Accessoires des sommerlichen Herrenstils. Ob am Strand oder bei Nachmittagsspaziergängen getragen, er erfüllte eine ganz bestimmte gesellschaftliche Funktion: Er signalisierte, dass der Träger Freizeit hatte, die er genießen konnte.

Dieser Boater aus der Zeit um 1890 wurde in Amerika aus Stroh und Seide gefertigt. Der Stroh-Boater war der Inbegriff des viktorianischen Sommerhutes. Seine knackige, flache Krone stand für Muße und Leichtigkeit. Kostümsammlung des Brooklyn Museum im Metropolitan Museum of Art, New York City.

Foto: gemeinfrei

Panamahüte erfüllten eine ähnliche Funktion. Beide galten bei warmem Wetter als geeignete Alternativen zu den schwereren Filzhüten, die den Rest des Jahres vorwiegend getragen wurden.

Der makellose Handschuh: Das Aussehen als Beweismittel

In dieser Epoche waren Handschuhe für beide Geschlechter ein Muss, auch wenn sich die Stile erheblich unterschieden. Bei den Frauen waren bis in die 1880er-Jahre hinein kurze Handschuhe, die knapp über das Handgelenk reichten, die Norm. Dann kamen lange Abendhandschuhe, die bis zum Ellbogen reichten, in Mode. Diese saßen so eng, dass sie fast wie eine zweite Haut wirkten. Typisch waren helle Farben, obwohl schwarze Handschuhe in diesem Jahrzehnt einen speziellen Prestigewert erlangten.

Ein Stich aus der Modezeitschrift „Le Follet Courrier des Salons“ von 1851, der die damaligen Trends bei Kopfbedeckungen, Spitzen, Handschuhen und Kleidern illustriert.

Foto: gemeinfrei

Männerhandschuhe folgten ihrer eigenen Logik. Schwereres Leder wurde zum Autofahren verwendet, während feines Ziegenleder in den Farben Grau, Braun oder Schwarz für den Alltag und in Weiß für abendliche Anlässe genutzt wurde. Bei formellen Bällen hatten die Herren manchmal zusätzliche Handschuhe dabei, um sicherzustellen, dass ihre Handschuhe den ganzen Abend über makellos blieben.
Der hohe Anspruch an saubere, gebügelte und makellose Handschuhe spiegelt einen weiteren Aspekt der viktorianischen Einstellung zum öffentlichen Auftreten wider. Sichtbare Abnutzungserscheinungen oder Mängel an einem Accessoire galten als gesellschaftlicher Makel. Makellose Handschuhe waren gewissermaßen ein Zeugnis für den Charakter ihres Trägers.

Der Stock und die Kunst, gesehen zu werden

Unter allen Accessoires, die ein viktorianischer Mann auf der Promenade bei sich trug, war keines wichtiger als der Spazierstock. Die Auswahl reichte von leichten Stöcken mit silbernen Knäufen bis hin zu schwereren Modellen mit gebogenen Griffen, die in den 1880er-Jahren in Mode kamen. Auch das Material und die Verarbeitung eines Spazierstocks konnten die soziale Zugehörigkeit widerspiegeln – Eiche gegenüber Ebenholz und eine geschnitzte Holzspitze gegenüber einer ziselierten Goldverzierung. Ein Spazierstock verriet den Betrachtern auf einen Blick fast alles, was sie über den sozialen Stand eines Mannes wissen mussten.

Spazierstock aus den USA, 1885, aus Holz, Metall und Glas. Kostümsammlung des Brooklyn Museum im Metropolitan Museum of Art, New York City.

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Manche Spazierstöcke waren sogar noch ausgefeilter. Ein erhaltenes Exemplar aus den USA von 1885, das sich heute in der Sammlung eines Museums befindet, verbirgt in seinem Schaft ein knapp 40 Zentimeter langes Schnapsfläschchen und ein Glas mit Fuß. Somit diente dieser Spazierstock gleichzeitig als tragbare Bar. Andere ausgefallene Spazierstöcke dieser Zeit verbargen Messer oder Schwerter. Mit anderen Worten: Der Spazierstock war nicht immer das, was er zu sein schien – und genau das war möglicherweise Teil seines Reizes.

Für den viktorianischen Gentleman war ein Spazierstock ebenso sehr eine Frage des Aussehens wie der Nützlichkeit. Dieses Modell aus den USA aus dem Jahr 1885 ging in puncto Funktionalität noch einen Schritt weiter: In seinem Schaft waren ein Schnapsfläschchen und ein Glas mit Fuß versteckt. Kostümsammlung des Brooklyn Museum im Metropolitan Museum of Art, New York City.

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Ein Grund für die enorme Verbreitung viktorianischer Sommeraccessoires war der wirtschaftliche Wandel in der Fertigungsindustrie. Durch die industrielle Produktion wurden hochwertige Waren nicht mehr nur der Oberschicht, sondern auch der Mittelschicht zugänglich. Die rasant wachsende Branche versorgte die Verbraucher mit Hüten, Handschuhen und Sonnenschirmen, die in Kaufhäusern und über Versandkataloge erhältlich waren.
Das Ergebnis war eine Gesellschaft, in der die „Sprache der Accessoires“ weitverbreitet war – vom Adel bis hin zu Angestellten und Ladenbesitzern. Nun konnten Viktorianer aller sozialen Schichten an der visuellen Ausdrucksweise des öffentlichen Lebens teilhaben. Ein in der Hauptstraße gekaufter Strohhut konnte zumindest für einen Nachmittag dieselbe Ungezwungenheit und Muße ausstrahlen wie der eines wohlhabenden Gentleman.
Doch Accessoires dienten nicht nur dazu, den gesellschaftlichen Rang zu signalisieren. Gerade die zunehmende Verbreitung modischer Gegenstände schärfte den viktorianischen Blick für Qualität und die Kunst der Präsentation. Als diese Dinge für breitere Gesellschaftsschichten zugänglich wurden, lag die wahre Unterscheidungskraft nämlich nicht mehr im Besitz selbst, sondern darin, wie man sie trug.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Sun, Style, and Propriety: Summer Accessories of the Victorian Era“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)

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