In Kürze:
- Das dicht verzweigte Geäst der Zuckerhutfichte ist für viele größere Tiere undurchdringbar – eine gute Kinderstube für die Riesenholzwespe.
- Ihre Größe, ihr vermeintlicher Stachel und ihre kräftigen Farben lassen sie bedrohlicher erscheinen, als sie ist.
- Auch in der Wohnung, wo sie mitunter nach Jahren aus Holzmöbeln schlüpft, stellt sie keine Gefahr für den Menschen dar.
- Ihr größter Feind sind insektenfressende Vögel – und eine Wespe, die fast so groß ist wie sie selbst.
In vielen Gärten kann man die hübschen Kegel der Zuckerhutfichten sehen. Ihre Zweige bilden eine dichte Oberfläche, die vollkommen aus den duftenden Nadeln besteht. Es handelt sich um die aus Nordamerika stammende Weißfichte (Picea glauca „Conica“), die zu Kleinwuchs – Wuchshöhe maximal 4 Meter – und Kegelform gezüchtet worden ist. Die mittelgrünen, weichen Nadeln geben dem Garten besonders im Winter etwas wundervoll Märchenhaftes.
Sie zeichnen sich aus durch langsames Wachstum und keinen Bedarf an Form- und Rückschnitt. Auch fallen von ihr keinerlei Pflanzenteile herunter. Durch sie erhält man einen ganzjährigen Sichtschutz. Doch spenden sie keinen Schatten und brauchen Platz.
Für Tiere ist es von Nachteil, dass die trockenen Äste im Innern ein undurchdringliches Geflecht bilden und der Baum weder echte Blüten noch geeignete Früchte ausbildet. So kommt sie ohne Insektenbesuch still und sanft durch alle Jahreszeiten. Doch halt, da gibt es doch jemanden, der alle Fichtenarten zum Fressen gern hat. Ein Rieseninsekt, das wir kennenlernen sollten.
Bedrohlich aber ungefährlich für Menschen
Es handelt sich um die in Europa verbreitete, im Wald lebende und deshalb selten zu beobachtende Riesenholzwespe (Urocerus gigas). Mit bis zu 4 Zentimeter Körperlänge und ihren leuchtenden Farben sieht vor allem das Weibchen sehr bedrohlich aus. Auch hat sie ein Körperteil, das für uns wie ein Stachel aussieht. Ihr laut schwirrendes Fluggeräusch lässt Garten- und Waldbesitzer die Flucht ergreifen. Nötig ist das aber auf keinen Fall:
Der „Stachel“ ist ein sogenannter Legebohrer, mit dem das Weibchen ihre 400 bis 500 Eier unter die Rinde von meist Fichten und Tannen legt, wie wir es eher von Käferarten kennen. Von dort aus fressen sich die Larven tief ins Holz. Da sie aber die Zellulose des Holzes nicht verdauen können, infiziert das Weibchen mit der Eiablage das Holz mit einem holzverdauenden Pilz, dem Tannenschichtpilz (Amylostereum chaileti). Dieser zersetzt das Holz, die Larven bohren bis zu 40 cm lange Gänge und ernähren sich dabei von Holzinhaltsstoffen und Pilzfäden.

Illustration der Riesenholzwespe in verschiedenen Lebensabschnitten: Larve (r.), Puppe (u.l.), Imago Männchen (o.r.) und Imago Weibchen (l.).
Foto: W. Wing in „Proceedings of the Zoological Society of London“ (1849), gemeinfrei
Wie die Wespe in Ihr Möbelstück gelangte
Zwei bis sechs Jahre verbringen die Larven so im Stamm in Symbiose mit dem Pilz. Vorher haben sie ihre Eingänge mit Sägemehl verschlossen und unsichtbar gemacht. Das ist ein Trick, sich vor Fressfeinden zu schützen, der aber in unseren Wohnzimmer zu absonderlichen Vorfällen führen kann: Die Wespen werden angelockt, wenn ein noch lebender Baum Verletzungen durch Fäll- oder Rückearbeiten erhält.
Wird der Baum nach dem Befall verarbeitet, ist es möglich, dass nach Jahren aus einem Möbelstück oder einer Treppe die entwickelte Riesenholzwespe (Imago) hervorkommt. Lassen Sie sie fliegen. Das harmlose Insekt ohne Giftapparat legt seine Eier nur in frisches Holz, nicht in Ihre Möbel. In der Forstwirtschaft wird die Wespe zwar als Holzschädling eingestuft, doch befällt sie keine unverletzten Bäume.
Im Garten wird sie sich nur für ihre Zuckerhutfichte interessieren, wenn sie sie doch einmal mit der Säge bearbeiten und reichlich frisches duftendes Harz austritt. Lassen Sie sie gewähren. Wohl werden sie oder ihre Babys von einem ihrer Fressfeinde verspeist werden. Und davon gibt es einige.
Der richtige Riecher
Außer Spechten und anderen insektenfressenden Vögeln gibt es ein weiteres, für uns harmloses Rieseninsekt, das sich an die Larven der Riesenholwespe heranmacht: Die Holzwespen-Schlupfwespe (Rhyssa persuasoria), ist selbst fast 4 cm lang und war Insekt des Jahres 2025. Sie ist ein Parasit mit dem richtigen Riecher. Der typische Geruch des Pilzes, mit dem die Larven der Riesenholzwespe in Symbiose leben, verrät der Schlupfwespe deren Lage im Holz.

Die Holzwespen-Schlupfwespe ist ebenso groß wie ihr Wirtstier, übertrifft die Riesenholzwespe jedoch dank eines Legebohrers, der ihre Körperlänge nahezu verdoppelt.
Ihr sehr langer und feiner Legebohrer – fast ebenso lang, wie der ganze Körper – ist dreiteilig und von 2 Schutzklappen umhüllt. Durch ihn spritzt das Weibchen ein Gift in die Holzwespenlarven, von dem die Larven gelähmt werden und nicht mehr wachsen. Dann lässt sie ein haarfeines, aber 20 Millimeter langes Ei an die gelähmte Larve gleiten. Innerhalb weniger Wochen wird die parasitäre Larve die Holzwespenlarve vertilgen, um sich dann selbst zu verpuppen und im Holz zu überwintern.
Schlupfwespenarten haben sehr unterschiedliche Lebensweisen, ihre Larven leben jedoch ausnahmslos parasitisch oder parasitoid. Sie sind laut Prof. Dr. Ulrich Sedlag, Autor von „Insekten Mitteleuropas“ in vielen Lebensbereichen als Regulatoren der Vermehrung von Schädlingen von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung für den Menschen


