Liebe Marianna, SK-Epoch Times,
wie ein Blinder suche ich seit einiger Zeit nach dem Warum sich Leute ehrenamtlich engagieren. Was bewegt Menschen dazu, ihre Zeit für andere herzugeben? Ohne Entgelt, ohne Gegenleistung.
Sucht man nach Antworten in den Daten der Bundesregierung, warum sich knapp 27 Millionen Menschen in Deutschland ehrenamtlich engagieren, zeigen Motiv-Erhebungen aus dem Jahr 2019 vorwiegend Gründe wie Spaß zu haben, aus Hilfsbereitschaft, etwas für das Gemeinwohl zu tun, oder die Gesellschaft mitzugestalten und mit anderen Menschen zusammenzukommen. Doch was bedeuten diese Begriffe im echten Leben? Wie sieht diese Freude aus, wenn sie einem gegenüber sitzt?
Die nächste Gelegenheit, der Frage nachzugehen, ergab sich für mich in Berlin-Dahlem. Dort wollte ich den Vortrag einer Bekannten besuchen. Ich war spät dran, doch am Eingangstor des ehrenamtlich organisierten „Café gegen Einsamkeit“ teilte mir ein weißhaariger, großgewachsener, älterer Herr mit, dass der Vortrag wegen einer Erkrankung der Referentin leider ausfallen müsse. Der Mann, seinerseits leicht verdutzt über die terminliche Absage, winkte mich trotzdem hinein.
Einsamkeit sieht anders aus
Wo sich eine Tür schließt, wird vielleicht eine andere aufgehen. Und in der Tat befand ich mich im nächsten Augenblick inmitten einer großen Tafelrunde. Die Runde staunend betrachtend, eröffnete sich mir ein Anblick, der mit Einsamkeit wenig zu tun hatte.
Der lange Tisch, gedeckt mit gelb-orangen Servietten, durchzog wie ein prächtiges Schiff den Saal. Kaffeetassen thronten auf dazu passenden Untertassen und kleine Wassergläser rundeten jedes Gedeck ab. Über 25 handgeschriebene Namenskärtchen erwarteten repräsentativ ihre Namensträger an fast jedem Gedeck.
Frau Schmidt stand nun vor mir und erklärte, dass Frau Sanft erkrankt sei, um genau zu sein, einen Nasenbeinbruch erlitten hatte, und der Vortrag nicht stattfinden würde, aber nachgeholt werden würde.
Als sie in mein Gesicht blickte, stellte sie entzückt fest, dass ich so aussehen würde, als ob ich mich sehr auf den Vortrag gefreut hätte. Vor allem hatte ich mich gefreut, mit Frau Sanft das Thema über das ehrenamtliche Engagement zu vertiefen. Vor einiger Zeit hatte diese mir erzählt, dass sie in Berlin-Mitte ehrenamtlich durch Kunstausstellungen führte. Ich musste an die Neurowissenschaftler denken, die vom „Helfer-Glück“ sprechen – diesem Hormonschub aus Oxytocin und Dopamin, der sich einstellt, wenn man für andere da ist. Psychologisch gesehen ist dieses uneigennützige Geben vielleicht auch einfach ein zutiefst menschlicher Akt der Selbstfürsorge.
Lebenserfahrung: Der Schatz der späten Jahre
Noch bevor ich etwas erwidern konnte, lud mich Frau Schmidt ein zu bleiben. Du weißt ja, Marianna, wie das ist, wenn man eigentlich wegen einer Recherche da ist; plötzlich saß ich mit Kaffee und Kuchen mitten im Geschehen an einem Platz ohne Namensschild.
Kurz darauf setzte sich schon Annelie auf den freien Platz neben mir. Die großgewachsene Frau saß geraden Rückens. Freundlichkeit und Durchsetzungsstärke strahlten mir aus ihrem Gesicht entgegen, fein temperiert durch intellektuelle Neugier und einer herzlichen Offenheit für neu zu entdeckende Geschichten.
So starteten wir in eine sportliche Gesprächsrunde, gleich einer sonnigen Sommerauffahrt in den Alpen, als Annelie meinte, ältere Menschen würden nicht gerne zuhören, weil sie selbst viel zu erzählen hätten. Mich erstaunte das, hatte ich doch andere Erfahrungen gemacht. Doch sie blieb bei ihrer These und lag damit gar nicht so falsch: Entwicklungspsychologische Studien deuten darauf hin, dass das Bedürfnis, eigene Lebensgeschichten zu teilen und die eigene Identität im Erzählen zu verfestigen, im höheren Alter an Bedeutung gewinnt.
Erst mein Argument, dass ältere Menschen über eine große Lebenserfahrung verfügen, jene gereifte Weisheit und empathische Urteilskraft, die man in der Psychologie als „kristalline Intelligenz“ bezeichnet, vermochte sie ein wenig zu überzeugen.
Ich versuchte nun, der Antwort auf meine Frage bezüglich des Ehrenamts näherzukommen, und fragte Annelie, ob sie öfter hier sei und wegen der Einsamkeit kommen würde. Gerade als sie ansetzte: „Ja schon, wegen der Einsamkeit auch, aber nicht nur deswegen“, da riss die Gelegenheit auch wieder abrupt ab, mehr darüber zu erfahren.
Denn Annelie musste eilig weg, um sich als Fotografin zu betätigen. Für einen wichtigen Anlass sollten Fotos von Frau Schmidt zusammen mit der Runde geschossen werden.
Annelie bewegte sich mühelos und schnell durch den Raum und schoss Fotos mit ihrem Smartphone. Nur beim Aufstehen und Hinsetzen verriet sich das Alter hinter den Jahrzehnten an Lebenserfahrung. Kaum zu glauben, dass sie 85 Jahre alt war.
Aschenputtel, Arthrose und ein Zapfenstreich
Kurz bevor sie für die Fotoaufnahmen weggeeilt war, erwähnte sie, sie würde Umschläge herstellen. Dabei schwang ein vielsagender Ton mit. Diese Umschläge würden dann zu besonderen Anlässen von Frau Schmidt verteilt.
Während Annelie hin- und herlief und Fotos machte, versuchte ich mir einen Reim auf die Sache mit den Umschlägen zu machen. Sofort dachte ich an medizinische Umschläge, schmerzstillend und lindernd, vielleicht bei Arthrose-Patienten.
Noch bevor ich mein Rätselraten zu Ende bringen konnte, war Annelie wieder zurück am Tisch und teilte mir entschieden mit, wir sollten uns wieder treffen. Denn gerade lief uns die Zeit aus.
Die Runde würde nämlich bald mit dem Singen beginnen, und sowohl ich als auch Annelie hatten einen Zapfenstreich. Wie Aschenputtel hatte ich früh kalkuliert, mich pünktlich vor dem Singen zu verabschieden. Als Klassikliebhaberin, jedoch ohne die geringste musikalische Begabung, wäre ich schnell enttarnt worden. Und Annelie hatte keine Schilddrüse mehr, da machte das Singen keinen Spaß, vertraute sie mir an.
Ein Blumenstrauß, der nicht vergeht
Ehe ich mich versah, zog sie einen Umschlag nach dem anderen heraus und die Zeit schien starr. Da entsprang sie, die Wiese voll Veilchen aus den Händen Annelies. Was war das, inmitten der Wiese? Ich schaute genauer hin. Ein kleines Mädchen mit langen rot-blonden Haaren, einem Hut und einem hübschen Kleid. Und dann war sie wieder plötzlich weg, denn es kam der nächste Umschlag, diesmal mit einem Meer aus größeren Blumen, und so ging es immer weiter.
Frau Schmidt gesellte sich zu uns, sichtlich angetan, und erzählte, wie sie Grußkarten in diese Umschläge packte und bei ihren persönlichen Besuchen zu erkrankten und verhinderten Mitgliedern der Runde mitnahm und überreichte, auch an Jubilare stolzer Lebensjahre, und wie die Umschläge dann verlässlich ihre Wirkung entfalteten. Wie ein Blumenstrauß, der nicht vergeht.
Also doch! Annelies Umschläge vermochten es nicht nur, Zeit zum Stillstand zu bringen, sondern auch Schmerzen zu lindern.
Vielleicht geht es beim Ehrenamt nicht nur darum, Lücken im System zu stopfen. Vielleicht bedeutet es auch, Räume zu schaffen, um Inne zu halten. Wie siehst du das aus der slowakischen Perspektive, liebe Marianna? Ich bin gespannt auf Deinen nächsten Brief!
Herzliche Grüße aus dem Berliner Büro!
Deine Kalina
An unsere Leserinnen und Leser
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