Seit über 200 Jahren begleitet diese deutsche Erfindung Menschen weltweit zur Arbeit oder in den Urlaub. - Foto: kotangens/iStock
In Kürze:
Vor über 200 Jahren erfand ein deutscher Freiherr das erste Fahrrad – vielleicht wegen eines Schlittschuhs oder Vulkanausbruchs.
Über rund fünf Jahrzehnte wurden die zeitweise verbotenen und kritisch beäugtenZweiräder immer größer – und schneller.
Ein Engländer entwickelte 1885 das uns heute geläufige Fahrrad – sein Durchbruch gelang letztlich erst mit einem illegalen Radrennen.
Zehn Jahre später erhielt die erste Laufmaschine einen elektrischen Antrieb – bis das Konzept wieder aufgegriffen wurde, sollte fast ein Jahrhundert vergehen.
Es war ein besonderer Schritt für seinen Entwickler und ein revolutionärer für die Welt: die Erfindung des Fahrrads. Heute begleitet das zweirädrige Fortbewegungsmittel Menschen weltweit in den Urlaub, zur Arbeit oder zum Bäcker.
Der Begriff „Fahrrad“ ist inzwischen so geläufig, wie sein Tretpedal oder seine Gangschaltung. Doch erst 1885 führten Mitglieder der Radfahrvereine in Deutschland den Namen ein. Zuvor bezeichneten die Deutschen mit „Fahrrad“ primär Motorräder, während das unmotorisierte Zweirad „Laufmaschine“ oder „Draisine“ hieß. Bis 1920 fand auch die französische Bezeichnung „Veloziped“ Verwendung.
Bis heute haben sich mit „Drahtesel“ oder „Stahlross“ weitere scherzhafte Bezeichnungen in unserem Sprachgebrauch etabliert – ergänzt durch dialektspezifische Namen. So heißt das Fahrrad im Niederdeutschen auch „Fietse“, im Münsterland „Leeze“ oder in Bayern einfach „Radl“.
Doch egal welcher Name heute verwendet wird, die über 200-jährige Erfindung wird am Weltfahrradtag am 3. Juni geehrt. Moderne Drahtesel zeichnen heute im Wesentlichen vier Punkte aus: zwei durch einen Rahmen verbundene Räder, einen Tretkurbelantrieb, zwei gleich große Räder und luftgefüllte Gummireifen. Die ersten Fahrräder erfüllten jedoch nur einen Teil dieser Bedingungen.
Der Muskelkraftwagen (1420) – die Vorgänger
Mit menschlicher Kraft angetriebene und lenkbare Fortbewegungsmittel gab es lange vor der Erfindung des Fahrrads. Der älteste Beleg eines sogenannten Muskelkraftwagens stammt aus dem Jahr 1420 und ist eine Zeichnung des italienischen Arztes Johannes de Fontana (1395–1455). Sein Gefährt soll demnach mittels Seilzug und Trommelmechanismus bewegt worden sein.
Eine weitere bekannte Entwicklung stammt aus dem Jahr 1655 von Stephan Farfler (1633–1689). Damit der ab der Hüfte gelähmte Uhrmacher aus Nürnberg mobil blieb, baute er einen dreirädrigen Wagen mit Handkurbelantrieb. Ähnliche Fahrzeuge gibt es bis heute.
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Zeichnung des Muskelkraftwagens von Johannes de Fontana.
Als offizielle Geburtsstunde des Zweirads gilt das Jahr 1817. Es wird gemunkelt, dass der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im Jahr 1815 zur Erfindung des Fahrrads führte. Weil sich das Wetter verschlechterte und es zu Missernten kam, sollen Lasttiere vermehrt auf den Tellern der Hungernden gelandet sein. Um Güter dennoch zu transportieren, habe der deutsche Forstbeamte Karl Freiherr von Drais (1785–1851) aus Karlsruhe den Drahtesel erfunden.
Der deutsche Forstbeamte Karl Freiherr von Drais (1785–1851) aus Karlsruhe gilt als Vater des Fahrrads.
Die Draisine (1817) – Erfindung und Verbot des Fahrrads
Laut dem erfinderischen Deutschen selbst soll er die Inspiration für seine Draisine, wie er sein Fahrrad nannte, von Schlittschuhen genommen haben. Bis heute sind deren Kufen häufig an zwei hintereinander liegenden Punkten unter den Schuhen befestigt. Mit dem Umschwenken von vormals vier Rädern auf zwei schuf Karl von Drais damit das erste Fahrrad der Geschichte.
Dafür verband er zwei gleich große Holzräder mit Eisenreifen über einen hölzernen Rahmen so miteinander, dass das Vorderrad lenkbar war. Zusätzlich stattete von Drais sein Gefährt mit einem ausklappbaren Ständer, Bremsen und einem Gepäckträger aus. Angetrieben wurde die 25 Kilogramm schwere Draisine wie ein Laufrad durch Abstoßen mit den Beinen.
Am 12. Juni 1817 soll von Drais auf diese Weise seine erste, 15 Kilometer lange Probefahrt von Mannheim nach Schwetzingen innerhalb einer Stunde absolviert haben. Damit war er viermal so schnell wie die Postkutschen der damaligen Zeit. Um den Bekanntheitsgrad seiner Erfindung zu steigern, organisierte er zudem öffentliche Fahrten und Veranstaltungen und sorgte damit für Staunen in der Bevölkerung.
So schnell wie sein Rad rasten die Meldungen von seiner Erfindung durch Europa. Überall bauten Findige die Draisine nach – häufig jedoch ohne Bremsen. Weil das Balancieren ungewohnt war und es wegen der schnellen Fortbewegung häufig zu Unfällen kam, wurde das Fahrrad in Deutschland vielerorts verboten.
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Darstellung der Draisine von Karl von Drais aus einer dreiseitig gedruckten Beschreibung von 1817.
Das Künzelsauer Schubstockrad (1850) – mit Handantrieb und Fußlenkung
Freunde des Zweirads ließen sich jedoch nicht vom Fahrrad abbringen. Bereits kurz nach der Erfindung der Draisine schlugen Erfinder zahlreiche Verbesserungen vor oder entwickelten das Fahrrad weiter – etwa zum sogenannten Schubstockrad.
Erste Anregungen dieser Art kamen 1817, kurz nach Erfindung der Draisine, von Johann Carl Bauer. Sie beinhalteten zwei Hinterräder und einen Antrieb über Schubstöcke, auch „Jungnickelsche Hebel“ genannt. Erstmals technisch umgesetzt wurde diese Idee jedoch erst 1850 in Künzelsau, Baden-Württemberg, wo der Schmied Heinrich Färber ein Schubstockrad baute.
Das Fahrrad von Färber besaß zwei mit Eisen beschlagene Holzräder und einen Sattel. Mit 50 Kilogramm, 120 Zentimetern Höhe, 56 Zentimetern Breite und 182 Zentimetern Länge war die Konstruktion groß und schwer. Das Vorderrad war kleiner als das Hinterrad (Durchmesser: 42 und 80 Zentimeter) und an dessen Aufhängung waren Fußrasten angebracht.
Die Fortbewegung selbst erfolgte ohne Bodenkontakt der Füße durch das schnelle Vor- und Zurückbewegen eines langen Hebels, an dem zwei Schubstangen befestigt waren. Sobald der Fahrer saß und den Hebel zu sich zog, wurden die Stangen nach hinten und damit gegen den Boden gedrückt. Das Abstoßen sorgte dafür, dass sich die Konstruktion bewegte. Gelenkt wurde mit den Füßen auf den Rasten am Vorderrad.
Das Schubstockrad wurde von Hand betrieben und hatte eine Fußlenkung.
Die mit Schubstöcken angetriebenen Räder gerieten mit der Erfindung des Tretkurbelrades bald in Vergessenheit. Umstritten ist jedoch, welcher deutsche Ingenieur der Erfinder dieses Radtyps ist.
Zur Auswahl stehen zwei mögliche Kandidaten aus Bayern: der deutsche Ingenieur und Arzt Joseph von Baader (1763–1835) aus München sowie der Schreiner und Musikinstrumentenbauer Philipp Moritz Fischer (1812–1890) aus Oberndorf bei Schweinfurt.
Das Fahrrad von Joseph von Baader ist mit seinem geraden Holzrahmen und den zwei gleich großen Rädern im Aussehen noch stark an die Draisine angelehnt – die einzige Neuerung ist die Tretkurbel am Vorderrad. Der Münchner Arzt soll sein Tretkurbelrad gebaut haben, um schneller zwischen seinen Patienten umherfahren zu können.
Das Rad von Fischer erinnert dagegen optisch an ein Moped. Es besaß ebenfalls eine am Vorderrad angebrachte Tretkurbel, jedoch zusätzlich ein Scheinwerferlicht und zwei ungleich große Räder. Sein Zweirad baute der Schreiner vermutlich auch zum Eigenbedarf.
Ob der deutsche Mechaniker Heinrich Mylius (1813–1892) aus dem thüringischen Friedrichsthal seinerseits eine Rolle spielte, ist umstritten. Sein angeblich 1845 erfundenes Fahrrad scheint aufgrund der speziellen Form der Hinterradgabel deutlich jünger zu sein.
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Skizze des Tretkurbelrades von Joseph von Baader (1763–1835) aus München.
Dasselbe Tretkurbel-Prinzip entwickelte unabhängig davon der französische Wagenbauer Pierre Michaux (1813–1883) mit seinem Sohn Ernest ab 1861. Laut Überlieferungen kam den Franzosen diese Idee, nachdem sie die Draisine eines Kunden reparieren sollten. Kurzerhand sollen sie zusätzlich einen Tretkurbelantrieb angebracht haben.
Ihre Konstruktion besaß wiederum zwei mit einem Holzrahmen verbundene Holzräder mit Eisenbereifung, wobei das Vorderrad etwas größer war als das Hinterrad mit 90 Zentimetern Durchmesser. Wegen ihrer ruckeligen Fahrweise erhielten die Räder scherzhaft den Namen „Knochenschüttler“.
Die Familie Michaux stellte ihre Erfindung 1867 auf der Weltausstellung in Paris aus und erlangte dadurch größere Bekanntheit. Mit mehr als 400 Exemplaren waren die sogenannten Michaulinen die ersten in großer Stückzahl hergestellten Fahrräder.
Nur ein Jahr später kam es am 1. November bei Bordeaux zum ersten Fahrradrennen der Welt. Dabei traten vier Frauen auf Michaulinen gegeneinander an – Siegerin war Mademoiselle Julie. Das Rennen sorgte fortan in Frankreich für einen Fahrrad-Boom, sodass immer mehr Menschen – einschließlich des Adels – zum Drahtesel griffen.
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Ernest Michaux im Jahr 1868 mit seiner Michauline.
Das Rad bewegte sogar den französischen Adel: Napoléon Eugène Louis Bonaparte (l.) und sein Freund Alberto di Roccagiovine (r.) beim Fahren von Michaulinen im Jahr 1869.
Ebenfalls technisch zu den Tretkurbelrädern gehören die Hochräder mit ihren markanten, sehr unterschiedlich großen Rädern. Als Erfinder gilt die Firma Compagnie Parisienne der Gebrüder Olivier, die das Geschäft der Familie Michaux übernahm. Mit ihrer Entwicklung wollten die Gebrüder Olivier die Radrennen als neu aufgekommenen Volkssport unter französischen Männern weiter anfeuern.
Das erste Hochrad besaß einen Rahmen aus Eisen und Räder mit Holzspeichen, wodurch das Rad 40 Kilogramm wog. Charakteristisch für das Hochrad sind das große Vorder- und das kleine Hinterrad mit 127 und 35 Zentimetern Durchmesser. Die großen Vorderräder machten die Fahrzeuge schneller. Um auf das Fahrrad aufzusteigen, mussten die Fahrer springen oder die Hilfe einer zweiten Person in Anspruch nehmen. Erst bei späteren Modellen wurden Fußrasten als Aufstiegshilfen angebaut.
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Das Hochrad „Ariel“ war mit seinem enorm großen Vorderrad besonders für Radrennen und Artistik geeignet.
Aber auch in Deutschland wurden Hochräder gebaut. Der bekannteste Hersteller war Heinrich Büssing (1843–1929) aus Wolfsburg, der später den Lastkraftwagen und den Omnibus erfand.
Ab 1871 ersetzten Fahrradbauer die hölzernen Speichen durch Draht oder Stahl und die Räder erhielten Vollgummireifen. Eine wichtige Neuerung kam zudem von dem englischen Fabrikanten James Starley (1830–1881). Er ersetzte die radial angeordneten Speichen durch tangential angeordnete, um die Kräfte besser abzuleiten und die Räder belastbarer zu machen.
Dies hatte jedoch zur Folge, dass die großen Vorderräder zwingend richtigherum eingebaut werden mussten, damit das Rad beim Treten nicht in sich zusammenbrach. Um dies zu verhindern, entwickelte Starley 1874 seine einfach tangential angeordneten Speichen zu gekreuzten Tangentialspeichenrädern weiter.
In der Anfangszeit waren Räder mit radialen Speichen (l.) üblich. 1871 erfand der Engländer James Starley die einfach tangentiale Anordnung der Speichen (m.) und 1874 die gekreuzt tangentiale Anordnung.
Foto: kms/Epoch Times
Das Einrad (um 1870) – 200 Kilometer an einem Tag
Die nächste Schwierigkeitsstufe im Fahrradfahren entwickelte der Italiener Alexander Giovanni Battista Scuri um 1870 mit dem Einrad. Er war vermutlich auch der Erste, der die spezielle Fahrweise erlernte.
1880 war es dann so weit: Scuri soll innerhalb eines Tages mit seinem Einrad von Mailand nach Turin gefahren sein, was einer Strecke von etwa 200 Kilometern entspricht. Fortan war das Einrad besonders bei Artisten beliebt.
Die ersten Modelle dieser Art besaßen zusätzlich eine Lenkstange, die heute nicht mehr üblich ist. Ebenso ungewohnt ist der Name „Monocycle“, wie man zur Zeit seiner Erfindung das Einrad in Deutschland nannte.
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Ein frühes Einrad mit Haltestange (Baujahr um 1870).
Das hohe Sicherheitsrad (1878) – Räder an die Kette gelegt
Da die in den 1870er-Jahren beliebten Hochräder bald enorme Größen erreichten und es zu gefährlichen Stürzen kam, wurde dieser Radtyp zu einem sogenannten hohen Sicherheitsrad weiterentwickelt.
Dieser Bestrebung gingen vor allem Ingenieure in England nach. So beinhalteten die Modifizierungen unter anderem die Verkleinerung der Vorderräder und die Verlagerung des Fahrradschwerpunktes in Richtung Hinterrad.
Besonders Edouard Carl Friedrich Otto (1841–1905) sorgte mit seinem 1878 in London entwickelten Fahrrad „Kangaroo“ für mehr Sicherheit. Der gebürtige Berliner fügte seinem Rad zudem einen Kettenantrieb hinzu. Der erste war er damit aber nicht. Erfunden und erstmals an einem Hochrad verbaut wurde ein solcher Mechanismus ein Jahr zuvor in Frankreich.
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Mit Hochrädern kam es häufig zu schweren Stürzen und lebensgefährlichen Verletzungen – eine Lösung musste her.
Das Bicyclette (1879) – Hinterradantrieb wird Serie
Einen weiteren Schritt in die Richtung unseres modernen Fahrrads ging der Engländer Harry John Lawson mit seinem Bicyclette. Bisher besaßen die Zweiräder meist einen Vorderradantrieb mittels Trethebeln.
1879 fügte Lawson seinem Drahtesel jedoch einen Kettenantrieb auf das Hinterrad hinzu. In seiner restlichen Erscheinung ähnelte das Fahrrad des Engländers mit seinen ungleich großen Rädern immer noch einem Hochrad.
Das Bicyclette, erfunden von dem Engländer Harry John Lawson im Jahr 1879.
Bereits vor Lawson gab es vier Erfinder aus Schottland und Frankreich, die einen Hinterradantrieb konstruierten. Diese älteren Modelle wurden jedoch mit Schwinghebeln statt Ketten bewegt, wie der schottische Schmied Kirkpatrick Macmillan (1812–1878) im Jahr 1839 erstmals anwandte.
Das Sicherheitsniederrad (1885) – Durchbruch dank illegalem Radrennen
Doch alle Fahrradtypen konnten sich letztlich nicht gegen das Sicherheitsniederrad des Engländers John Kemp Starley (1855–1901) durchsetzen. Er war der Neffe von James Starley, der die modernen Tangentialspeichenräder erfunden hatte.
John Kemp Starley wollte das neue Fahrrad in puncto Rahmenform, Sicherheit und Kraftverhältnis verbessern. Sein erster Prototyp, der „Rover I“, wurde von der Presse jedoch stark kritisiert. Man glaubte nicht an die gute und schnelle Fahrweise der Neuentwicklung.
Daraufhin baute Starley einen zweiten Prototyp, den „Rover II“, der als Vorbild heutiger Fahrräder gilt. Um Aufsehen zu erregen und seine Kritiker zu überzeugen, veranstaltete Starley ein illegales Radrennen. Sein Rover II brillierte, ein neuer Weltrekord wurde aufgestellt und die Beliebtheit des Sicherheitsniederrades stieg.
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Das Sicherheitsniederrad „Rover“ von John Kemp Starley.
Im Vergleich zu vorherigen Radtypen besaß das neue Modell zwei gleich große Räder sowie Steuerung und Bremsen an den Vorderrädern. Ab den 1880er-Jahren folgten zahlreiche Erfindungen wie die Gangschaltung, die Rücktrittbremse und luftgefüllte Reifen, die heute zur Standardausrüstung eines modernen Fahrrads gehören.
Das Damenrad (1889) – Einstieg aus Holland
Seit der Erfindung des ersten Fahrrads waren Frauen aufgrund der Kleidernorm benachteiligt, was das Fahren des Zweirads betraf. So galt es als üblich, dass Frauen lange Röcke oder Kleider trugen, die jedoch beim Fahrradfahren störten.
Als einer der Ersten baute der Engländer Dennis Johnson 1819 eine Draisine so um, dass Frauen mit langem Rock gefahrlos Rad fahren konnten. Sporadisch wurden Räder fortan frauenfreundlich umgebaut und vom weiblichen Geschlecht gefahren.
Der große Durchbruch gelang jedoch erst mit der Entwicklung des Sicherheitsniederrades. So baute John Kemp Starley 1889 ein Modell eigens für Damen, das „Rover Ladys Safety“. Niederländische Fahrradhersteller kopierten dieses Modell, fügten einen Vollkettenschutz und Seitenverkleidungen hinzu und schufen so das bekannte Hollandrad.
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Mit langen Röcken und Kleidern war für Frauen die Gefahr groß mit dem Fahrrad zu stürzen.
Heutige Damen- oder Hollandräder besitzen einen Vollkettenschutz und Seitenverkleidungen.
Foto: hadot/iStock
Das Tandem (1890er-Jahre) – gemeinsam radeln
Nachdem das Fahrrad für jedes Geschlecht technisch fahrbar war, tüftelten Ingenieure daran, mit einem Drahtesel mehr als eine Person zu bewegen. Wie auch beim Damenrad legte Starleys Sicherheitsniederrad den Grundstein für das Tandem.
Obwohl es bereits erste Patente in den 1880er-Jahren gegeben hat, gilt der Däne Mikael Pedersen (1855–1929) als Erfinder des ersten Tandems. Er baute sein Pedersen-Fahrrad für zwei Personen um und entwickelte mit dem „Quad“ auch ein Tandem für Vier.
1896 baute die US-amerikanische Firma „Waltham Manufacturing Company“ mit ihrem Zehner-Tandem „Oriten“ das größte Tandem der Welt. Dieses war knapp 140 Kilogramm schwer und über 7 Meter lang, was die Grenze des physikalisch Umsetzbaren bildete. Heutige Tandems werden daher meist wieder nur für zwei bis vier Personen gebaut.
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Die Gebrüder Opel auf ihrem Fünfer-Tandem um 1912.
Im 20. Jahrhundert entstanden keine neuen Fahrradtypen – lediglich die zusätzliche Ausrüstung wurde weiter verbessert oder das Sicherheitsniederrad für spezielle Zwecke angepasst. Dazu gehört auch das heute bei Kindern und jungen Erwachsenen beliebte BMX.
Dies ist eine Weiterentwicklung aus den 1960er-Jahren, als in den USA Tricks und Stunts mit kleinen Fahrrädern immer beliebter wurden. Charakteristisch dafür sind deshalb der stabile Rahmen, der hohe Lenker und die Metallrohre an den Achsen der Vorder- und Hinterräder. Eine modifizierte Art des BMX kam in den 1970er-Jahren nach Europa und wurde dort als Bonanzarad verkauft.
Das BMX wurde in den 1960er-Jahren in den USA erfunden.
Foto: Henfaes/iStock
Das Mountainbike (1973) – zunächst nur bergab
Ebenfalls eine US-amerikanische Weiterentwicklung des Fahrrads ist das Mountainbike, welches im Jahr 1973 erfunden wurde. Die ersten Modelle besaßen stabile Räder mit dicken Ballonreifen und waren relativ schwer, weshalb sie vor allem für Abfahrten im Gelände verwendet wurden. Als erster Hersteller eines Mountainbikes nach modernem Standard gilt der Designer und Anwalt Joe Breeze aus Kalifornien.
Das erste Mountainbike eignete sich nur für Abfahrten im Gelände. Heute gibt es dafür spezielle Downhill-Bikes.
Foto: Sandra Alkado/iStock
Das E-Fahrrad (1982) – ein Jahrhundert mit Hilfsmotor
Ähnlich wie bei E-Autos gab es schon früh die ersten elektrisch angetriebenen Fahrräder, die sich, wie ihre vierrädrigen Gefährten, jedoch nicht dauerhaft durchsetzen konnten. Als Erster versah Ogden Bolton aus den USA 1895 seine Draisine mit einem E-Motor. 1899 baute der deutsche Erfinder Albert Hänsel an seinem mit Pedal betriebenen Rad auch einen Elektromotor ein.
Als Vater des heutigen E-Bikes gilt der deutsche Egon Gelhard aus Zülpich, Nordrhein-Westfalen. Sein Rad wurde wie die modernen E-Fahrräder durch einen elektrischen Motor unterstützt, der aber vom Treten der Pedale abhängig war.
Das erste mit einem elektrischen Motor betriebene Fahrrad fuhr 1895 über US-amerikanische Straßen.
Foto: frantic00/iStock
Das Fahrrad bewegt die Welt
Abgesehen von spezifischen Rädern, die primär für bestimmte Personengruppen gebaut wurden, ermöglichte das Fahrrad lange vor dem Automobil einer Vielzahl von Menschen, schneller von einem Ort zum anderen zu gelangen.
Obwohl sich der Nutzen vielleicht nicht sofort erschließt, fand der Drahtesel auch im Militär mehrfach und lange Zeit Verwendung. So rollten Fahrräder seit 1870 für die französische Armee, seit 1878 für die italienische und seit 1892 für die deutschen Truppen.
Während die letzte Fahrradtruppe auf dem europäischen Kontinent im Jahr 2003 von den Schweizern eingestellt wurde, nutzt die Armee von Sri Lanka noch heute das Fahrrad für ihre militärischen Dienste.
Heute gibt es schätzungsweise eine Milliarde Fahrräder weltweit. Es ist damit das am häufigsten genutzte Fahrzeug überhaupt. Schätzungen zufolge kommt Deutschland dabei auf 84 Millionen Drahtesel (Stand 2023). Das sind mehr, als in den ersten 150 Jahren ihrer bewegten Geschichte insgesamt über die Straßen der Welt gerollt sind.