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Freut euch des Lebens – von Johann Martin Usteri

Freut euch des Lebens

Freut Euch des Lebens
Weil noch das Lämpchen glüht,
Pflücket die Rose,
Eh’ sie verblüht!
So mancher schafft sich Sorg’ und Müh,
Sucht Dornen auf, und findet sie,
Und läßt das Veilchen unbemerkt,
Das ihm am Wege blüht.
Freut Euch des Lebens …
Wenn scheu die Schöpfung sich verhüllt,
Und lauter Donner ob uns brüllt,
So scheint am Abend, nach dem Sturm,
Die Sonne, ach! so schön!
Freut Euch des Lebens …
Wer Neid und Missgunst sorgsam flieht,
Genügsamkeit im Gärtchen zieht,
Dem schießt sie bald zum Bäumchen auf,
Das goldne Früchte bringt.
Freut Euch des Lebens …
Wer Redlichkeit und Treue übt,
Und gern dem ärmern Bruder giebt,
Da siedelt sich Zufriedenheit
So gerne bei ihm an.
Freut Euch des Lebens …
Und wenn der Pfad sich furchtbar engt,
Und Missgeschick uns plagt und drängt,
So reicht die holde Freundschaft stets
Dem Redlichen die Hand.
Freut Euch des Lebens …
Sie trocknet ihm die Tränen ab,
Und streut ihm Blumen bis in’s Grab;
Sie wandelt Nacht in Dämmerung,
Und Dämmerung in Licht.
Freut Euch des Lebens …
Sie ist des Lebens schönstes Band,
Schlagt, Brüder, traulich Hand in Hand,
So wallt man froh, so wallt man leicht
In’s bessre Vaterland.
 
Johann Martin Usteri (1763–1827)
Das Gedicht findet auch Erwähnung als Liedtext in Thomas Manns Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“.

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