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Die Quelle des Denkens: Wer denkt wirklich unsere Gedanken?

Die zeitgenössische Kultur fordert uns immer wieder dazu auf, „auf unsere Gefühle zu hören“. Wenn du wütend bist, drücke es aus, wenn du traurig bist, schaffe Raum für dieses Gefühl, und wenn sich etwas „richtig anfühlt“, ist das vielleicht ein Zeichen, danach zu handeln.
Fernsehsendungen bestärken die Botschaft, dass „Gefühle ein innerer Kompass“ seien und der Weg zu einem authentischen Leben über deren Befolgung führe. Auch Karriereberatung beinhaltet oft den Rat, „seinem Herzen zu folgen“.
Aber nicht nur Gefühle spielen eine wichtige Rolle in unserem Leben, Gedanken tun dies auch. Wir leben in einer Zeit, in der Ideen als Währung gehandelt werden – Tweets, Podcastanalysen und geistreiche Gedanken ergießen sich in einem endlosen Strom durch unsere digitalen Feeds. Die Gesellschaft ermutigt uns, „laut zu denken“, Erkenntnisse mühelos und präzise formulieren zu können und ständig persönliche und kollektive Meinungen vorzubringen.

Auf der Suche nach der Quelle

Doch inwieweit gehören diese Gedanken und Gefühle wirklich zu uns? In einem seiner Vorträge berief sich der kanadische Psychologe Dr. Jordan Peterson auf den berühmten Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875–1961), der gesagt habe: „Menschen haben keine Ideen – Ideen haben Menschen.“
Laut Peterson stammen mehr als 90 Prozent dessen, was wir denken, nicht von uns. Es kommt von unseren Eltern, Lehrern, Freunden und der Kultur, die wir über die Jahre aufgesogen haben. Wenn wir sprechen oder denken, sind das oft nicht „wir“. Vielmehr ist es die Stimme eines anderen, die durch uns spricht.
„Darüber sollte man wirklich einmal nachdenken. Denn dann möchte man beobachten, welche Gedanken einem durch den Kopf gehen, und herausfinden, woher sie stammen. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass sie einen genauso kontrollieren, wie eine Marionette vom Puppenspieler gesteuert wird“, so der klinische Psychologe und Autor weiter.
Wenn Gedanken wirklich unsere eigenen sind, warum tauchen sie dann oft unkontrollierbar, ungebeten und manchmal sogar gegen unseren Willen auf? Und warum ist es so schwer, sie zum Schweigen zu bringen, wenn wir es wollen?

„Default Mode Network“

Hier bietet die Wissenschaft eine Antwort. In den frühen 2000er-Jahren beobachteten Forscher der Washington University in St. Louis mittels funktioneller Magnetresonanztomografie ein markantes Phänomen. Selbst wenn wir nicht mit einer bestimmten Aufgabe beschäftigt sind, bleiben bestimmte Hirnregionen durchgehend aktiv.
Der US-amerikanische Neurologe Marcus E. Raichle, Hauptautor der Studie und einer der Begründer der Forschung zum sogenannten Default Mode Network, zeigte gemeinsam mit anderen Forschern, dass dieses Netzwerk eng mit drei wiederkehrenden geistigen Prozessen verbunden ist: dem spontanen Fluss von Gedanken und Assoziationen, selbstbezogenem Denken sowie dem Abruf autobiografischer Erinnerungen. Zahlreiche Studien haben diesen Zusammenhang seither bestätigt.

Selbst wenn wir keiner bestimmten Aufgabe nachgehen, bleiben bestimmte Hirnregionen konstant aktiv.

Foto: Jacob Wackerhausen/iStock

Es beflügelt also unsere Gedanken über die Vergangenheit oder die Zukunft und lässt unseren Geist frei zwischen verschiedenen Ideen schweifen. Doch es beantwortet nicht die grundlegende Frage: Woher kommen diese Gedanken eigentlich?
Das „Default Mode Network“ zaubert Gedanken nicht aus dem Nichts. Es orchestriert, verbindet und fügt lediglich Materialien zusammen. Diese stammen aus den Tiefen unserer Psyche und den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens angesammelt haben.

Wie wir externe Stimmen verinnerlichen

In seinem Buch „Denken und Sprechen“ sprach der russische Entwicklungspsychologe Lew Wygotski (1896–1934) über unsere innere Stimme. Diese werde nicht aus dem Nichts geboren, erklärte Wygotski. Vielmehr werde sie aus externen Stimmen kultiviert. Und diese hörten wir schon seit unserer Kindheit.
Anfangs benutzt das Kind Sprache, um mit anderen – Eltern, Betreuern und Freunden – zu kommunizieren. Im Alter von etwa drei bis sieben Jahren beginnen Kinder, beim Spielen oder Problemlösen laut zu sich selbst zu sprechen. Wygotski nannte dies „egozentrische Rede“ – eine Sprache, die nicht mehr allein an andere gerichtet ist, sondern auch dazu dient, das Selbst zu leiten. Zum Beispiel: „Jetzt nehme ich diesen Klotz und dann baue ich einen Turm.“
Mit der Zeit verstummt diese egozentrische Rede und kehrt sich nach innen. Kinder müssen sie nicht mehr artikulieren – stattdessen „sprechen sie nach innen“. So wird die innere Stimme, die wir als Denken erkennen, geboren.
Wygotski betonte jedoch, dass diese interne Sprache eine markante Form hat. Sie ist abgekürzt, verdichtet und voller Auslassungen. Die Stimme denkt nicht den ganzen Satz: „Ich muss den Bleistift vom Tisch nehmen, um zu schreiben.“ Stattdessen sagt die interne Rede nur: „Bleistift … schreiben.“
Der entscheidende Punkt ist, dass Sprache an sich keine persönliche Erfindung ist. Kinder erschaffen nicht ihre eigenen Wörter oder Satzstrukturen. Sie lernen diese durch die Interaktion mit anderen. Selbst wenn sie laut zu sich selbst sprechen, recyceln Kinder Sprachmuster, die sie in ihrem Umfeld gehört haben. Die Wörter, die Sätze und sogar die Gewohnheit, Handlungen laut zu kommentieren, sind alle in früheren sozialen Kontexten verwurzelt. Mit anderen Worten: Die Stimme in unserem Kopf ist in erster Linie eine externe Stimme, die man verinnerlicht hat.¹
Neben diesem Prozess verinnerlichen wir auch die „Stimme“ unserer sozialen und moralischen Erwartungen. Der österreichische Psychoanalytiker Sigmund Freud beschrieb dies als das „Über-Ich“ – den Teil der Persönlichkeit, der sich in der Kindheit durch Identifikation mit elterlicher Autorität und später mit Erziehern und anderen Vorbildern entwickelt. Es ist daher nicht überraschend, dass Menschen die Stimme in ihrem Kopf manchmal als die ihrer Eltern wahrnehmen oder die von anderen bedeutenden Autoritätspersonen ihrer Vergangenheit erleben.²
Doch obwohl die innere Stimme „uns zu gehören“ scheint und in unserem Bewusstsein wirkt, haben wir keine vollständige Kontrolle darüber. Die Psychoanalyse zeigte, dass ein wesentlicher Teil der mentalen Aktivitäten außerhalb unseres Bewusstseins stattfindet. Sigmund Freud (1856–1936) formulierte dies in seinem berühmten Satz:
„Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus.“³
Das heißt, unser Bewusstsein hat keine vollständige Souveränität. Es gibt psychische Kräfte wie jene, die aus dem Unbewussten entstehen, die unsere Gedanken ohne bewusste Steuerung prägen.
Unsere innere Stimme wird durch äußere Stimmen geprägt, die wir bereits in unserer Kindheit hören. Foto: Svetlana Mishchenko/iStock

Unsere innere Stimme wird durch äußere Stimmen geprägt, die wir bereits in unserer Kindheit hören.

Foto: Svetlana Mishchenko/iStock

Haben wir einen freien Willen?

Die Tatsache, dass wir nicht jeden einzelnen Gedanken „wählen“, hat Forscher dazu veranlasst, die Natur des freien Willens und die Autonomie des Denkens infrage zu stellen.
Der US-amerikanische Psychologe Daniel Wegner zum Beispiel erklärte, dass das Gefühl des bewussten Willens oft eine Illusion sei. Das Gehirn generiere Gedanken und Handlungen durch unbewusste Prozesse, und erst im Nachhinein erlebten wir das subjektive Gefühl, sie gewollt zu haben, als hätten wir diese Gedanken selbst initiiert. Diese Ansicht deckt sich mit der bereits erwähnten Freud’schen Erkenntnis, dass unbewusste Anteile in uns durch uns „sprechen“ und „denken“.
Wegner stützte sich jedoch nicht auf das Freud’sche Modell. Stattdessen untermauerte er seine Behauptungen mit einer Reihe von Experimenten und empirischen Belegen aus mehreren Fachbereichen. Ein klassisches Experiment, das dieses Thema beleuchtete, wurde in den 1930er- bis 1950er-Jahren von dem kanadischen Neurochirurgen Wilder Penfield durchgeführt.
Während einer Gehirnoperation an Epilepsiepatienten bei vollem Bewusstsein unter nur lokaler Betäubung stimulierte er sanft verschiedene Bereiche des Kortex (Hirnrinde) und fragte die Patienten, was sie dabei empfanden. Als er den motorischen Kortex stimulierte, bewegten sich die Hände, Beine oder das Gesicht des Patienten, manchmal sogar in komplexen koordinierten Bewegungen, die vollkommen willentlich aussahen.
Dennoch berichteten die Patienten, dass die Handlungen nicht von ihnen ausgegangen seien. Sie sagten sinngemäß: „Sie haben meine Hand bewegt; das wollte ich nicht tun.“ Das Experiment enthüllte, dass Bewegungen, sogar komplexe Bewegungen, ausgelöst werden können, ohne dass das Subjekt sie als „freiwillig“ erlebt.
Mit anderen Worten: Das Gefühl des „Willens“ ist möglicherweise eine nachträgliche Hinzufügung – etwas, das erst hinzugefügt wird, nachdem das Gehirn die Handlung bereits eingeleitet hat, und nicht die Ursache dafür.

200 Millisekunden „Veto-Recht“

Das berühmte Experiment des US-Neurowissenschaftlers Benjamin Libet in den 1980er-Jahren wies auf ein ähnliches Ergebnis hin.⁴ Er bat die Teilnehmer, einen Finger zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl zu bewegen und den genauen Moment zu notieren, in dem sie die „Absicht“ verspürten, zu handeln.
Messungen der Hirnströme zeigten, dass das Gehirn etwa eine halbe Sekunde vor dem Bewusstsein des eigenen Handlungswillens mit der Vorbereitung der Handlung begann. Mit anderen Worten: Das subjektive Gefühl „Ich habe mich gerade entschieden“ kam erst, nachdem der neuronale Prozess bereits begonnen hatte.

Das Gehirn erzeugt Gedanken und Handlungen durch unbewusste Prozesse, und erst im Nachhinein erleben wir das subjektive Gefühl, sie gewollt zu haben.

Foto: gorodenkoff/iStock

Dennoch wies Libet den freien Willen nicht zurück. Er stellte fest, dass, obwohl das Gehirn beginnt, die Handlung vor dem Entstehen des bewussten Gewahrseins vorzubereiten, das Bewusstsein jedoch immer noch etwa 200 Millisekunden vor dem Eintreten der Bewegung erscheint, was ein kurzes Zeitfenster schafft, in dem die Handlung noch gestoppt werden kann. Er nannte dies das „Veto-Recht“.
Auch wenn wir nicht jeden Gedanken oder jede Handlung bewusst einleiten, behalten wir dennoch die Fähigkeit, zu verhindern, dass sie ausgeführt werden. Er schrieb:
„Die Existenz einer Veto-Möglichkeit steht außer Zweifel.“
Libet merkte auch an, dass viele Teilnehmer berichteten, einen Drang zum Handeln zu verspüren, sich aber dazu entschlossen, ihn zu unterdrücken.
Aus philosophischer Sicht legt dies nahe, dass unsere Verantwortung möglicherweise nicht bei der Entstehung der Gedanken selbst beginnt. Sie beginnt eher bei unserer Fähigkeit, innezuhalten, zu regulieren und zu wählen: Welchen Gedanken erlauben wir, zu Handlungen zu werden? Diese Idee stimmt mit vielen moralischen und religiösen Traditionen überein, die einen größeren Wert auf Selbstbeherrschung als auf die Kontrolle der Gedanken selbst legen.

Gott, die Musen und der Teufel

Manchmal können die Stimme oder die Gedanken in unserem Kopf so intensiv werden, dass sie uns völlig fremd erscheinen. In der Psychopathologie sind Phänomene wie Stimmenhören, sogenannte auditive Halluzinationen, oder Gedankeneingebung, also die Erfahrung, dass Gedanken scheinbar von einer äußeren Kraft „eingeflößt“ werden, gut dokumentiert.
Diese Phänomene treten besonders im Zusammenhang mit Schizophrenie auf. Aber die Idee, dass unsere Gedanken oder unsere innere Stimme aus einer externen Quelle stammen könnten, ist nicht auf Krankheitsbilder beschränkt. Sie findet sich in der Philosophie, der klassischen Literatur und den religiösen Schriften immer wieder. Generationen von Denkern haben sich damit auseinandergesetzt. Wohnen Vernunft, Inspiration und Intuition dem Individuum inne? Oder werden sie uns von externen Kräften – Gott, Musen oder anderen Entitäten – gegeben?
Eine der bekanntesten diesbezüglichen Überlieferungen stammt von dem griechischen Philosophen Sokrates (469–399 v. Chr.).
Wie Platon in seinen Dialogen beschrieb, behauptete Sokrates, dass er sein Leben lang von einer inneren Stimme begleitet wurde. Er nannte sie Daimonion. Diese Stimme erschien immer als Warnung und hielt ihn davon ab, bestimmte Handlungen auszuführen. Jedoch befahl sie ihm niemals, etwas Bestimmtes zu tun.
Platon berichtete auch von der berühmten Verteidigungsrede des Sokrates vor Gericht:
„Hiervon ist nun die Ursache, was ihr mich oft und vielfältig sagen gehört habt, daß mir etwas Göttliches und Daimonisches widerfährt, was auch Meletos in seiner Anklage auf Spott gezogen hat. Mir aber ist dieses von meiner Kindheit an geschehen: eine Stimme nämlich, welche jedesmal, wenn sie sich hören läßt, mir von etwas abredet, was ich tun will, – zugeredet aber hat sie mir nie. Das ist es, was sich mir widersetzt, daß ich nicht soll Staatsgeschäfte betreiben. Und sehr mit Recht scheint es mir sich dem zu widersetzen: Denn wißt nur, ihr Athener, wenn ich schon vor langer Zeit unternommen hätte Staatsgeschäfte zu betreiben, so wäre ich auch schon längst umgekommen und hätte weder euch etwas genutzt noch auch mir selbst.“

Wir hören eine innere Stimme, die uns leitet oder warnt, ob wir sie nun als Wirken der moralischen Vernunft oder als Verkörperung einer göttlichen Macht verstehen.

Foto: Panasevich/istock

Über die Generationen hinweg wurden verschiedene Interpretationen von Sokrates’ Daimonion vorgeschlagen. Platonische Philosophen sahen darin einen göttlichen Schutzgeist. Frühe christliche Schriftsteller interpretierten es als Schutzengel⁵ und zu anderen Zeiten umgekehrt als täuschenden Dämon. Andere legten nahe, es sei nichts weiter als eine poetische Beschreibung seines Gewissens oder einer tiefen moralischen Intuition. Platon selbst ließ es für Interpretationen offen.
Sicher jedoch ist, dass die Erfahrung real ist. Wir hören eine innere Stimme, die uns leitet oder warnt, ob wir sie nun als das Wirken moralischer Vernunft oder als die Verkörperung einer göttlichen Kraft verstehen.
Sokrates selbst wählte die transzendente Interpretation: Seine Stimme war nicht allein die seine, sondern ein Ausdruck göttlicher Präsenz in ihm. Schon in der Antike glaubte man, dass Dichter und Künstler keine vollständige Kontrolle über ihre Ideen besäßen. Stattdessen würden sie von Musen oder göttlichen Entitäten geleitet.
Homers „Odyssee“ etwa beginnt mit einer direkten Anrufung der Muse. Sie wird gebeten, die Geschichte durch den Dichter zu erzählen.⁶ In Platons Dialog „Ion“ entwickelt Sokrates diese Idee weiter.⁷ Der Dichter ist demnach ein Glied in einer Kette göttlicher Inspiration. Die Muse „berührt“ die Seele des Dichters, der Dichter ist erfüllt von Aufregung und singt. Somit gibt er die Botschaft an das Publikum weiter.
Mit anderen Worten: Das Gedicht und die Idee sind nicht wirklich die des Dichters. Sie sind Ausdruck einer göttlichen Kraft, die durch ihn wirkt. Eine ähnliche Idee taucht in der biblischen Tradition auf. Die Propheten begannen ihre Prophezeiungen wiederholt mit „Und das Wort des Herrn kam zu mir und sprach …“
Die Propheten formulierten ihre Ideen nicht aus eigener Kraft. Sie hörten das Wort Gottes manchmal als eine tatsächliche Stimme, wie etwa Moses am brennenden Dornbusch. Manchmal erschien es als Vision und manchmal als eine subtile innere Erfahrung, wie der Prophet Elia es beschrieb.
Jahrhunderte später untersuchte der russische Romanautor Fjodor Dostojewski diese Idee in einem düsteren Kontext. In dem Roman „Die Brüder Karamasow“ porträtierte der Autor ein langes Gespräch zwischen Iwan Karamasow, dem gequälten Intellektuellen, und dem Teufel.⁸ Es ist unklar, ob dies ein echter Dämon, eine Halluzination oder das Spiegelbild einer psychischen Erkrankung ist.

August 2024, Bad Homburg: Eine Statue des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewski vom Künstler Nikolai Karlychanow in einem öffentlichen Park.

Foto: travelview/iStock

Der Teufel offenbart sich als Iwans Doppelgänger, der mit der Stimme seiner Zweifel, seiner Verzweiflung und seines Spotts spricht, als hätte die innere Stimme eine eigene Form angenommen. Iwan ruft aus: „Du bist meine Halluzination. Du bist die Verkörperung meines Ich, übrigens nur eines Teiles meines Ich […] meiner Gedanken und Gefühle, aber nur der niedrigsten und dümmsten. Von diesem Gesichtspunkte aus könntest du mich sogar interessieren, wenn ich nur Zeit hätte, mich mit dir abzugeben […].“
Doch dann nimmt der Austausch eine dunklere Wendung. Der Teufel, die innere Stimme, erzählt Iwan Details, die Iwan selbst nicht bewusst wusste. Iwan ist erschüttert und äußert, dass dies nicht von ihm kommen könne. Der Teufel antwortet mit einer scharfen psychologischen Einsicht: Manchmal könne er ihm als „Ich“ mit seiner inneren Stimme in seinem Traum originelle Dinge erzählen, die er nie gewusst habe, und doch sei der Teufel niemand anderes als er selbst in seinem Traum.
In dem Roman „Die Dämonen“ entwickelt Dostojewski eine ähnliche Idee in symbolischen Begriffen: Revolutionäre und gottlose Ideen werden als „Dämonen“ beschrieben, die in die Seelen junger Menschen eindringen und von ihnen Besitz ergreifen.
Aus seiner Perspektive sind kollektive Ideologien fast wie fremde Entitäten – dunkle spirituelle Kräfte, die die Gestalt von Ideen annehmen und in das menschliche Bewusstsein einziehen.

Den Pfeil herausziehen

In einem Vortrag von Eckhart Tolle, einem populären deutschen spirituellen Lehrer und Autor von Selbsthilfebüchern, fragte ihn eine Frau, wie es sein könne, dass sie Gedanken und Emotionen wie Eifersucht, Wettbewerbsdenken und Angst erlebe, die sich nicht wirklich wie ihre eigenen anfühlten. Sie fragte sich, woher diese wohl kämen und ob sie ein unvermeidlicher Teil des Lebens selbst seien.
Tolle antwortete mit einer buddhistischen Geschichte: Ein Mann wurde mit einem vergifteten Pfeil angeschossen. Doch anstatt diesen vom Arzt herausziehen zu lassen, wollte der Mann erst noch herausfinden, wer ihn geschossen hatte und warum und was für ein Pfeil das war. Die Botschaft des Buddhas sei jedoch gewesen, dass es das Wichtigste sei, den Pfeil herauszuziehen, nicht, seine Ursprünge zu untersuchen.
Der Buddhismus betont in der Tat die Vergänglichkeit von Gedanken und die Tatsache, dass sie kein festes „Selbst“ haben. Die meditative Praxis lehrt Menschen, Gedanken zu beobachten, wie sie erscheinen und verschwinden, genau auf die Weise, wie sie kamen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren und ohne sich von ihnen „vergiften“ zu lassen.
In diesem Sinne bietet der Buddhismus eine dritte Sichtweise: Gedanken sind weder intern noch extern. Sie entstehen und vergehen, ohne einem dauerhaften Selbst zu gehören. Tolle bot auch eine modernere, metaphysische Erklärung an und erklärte der Frau, dass viele ihrer Gedanken nicht wirklich ihre seien. Sie entsprängen dem kollektiven Bewusstsein oder energetischen Wesenheiten. Wenn jene mit etwas im Menschen in Resonanz träten, verbänden sie sich damit und verstärkten es. So könne sich aus einer kleinen Verärgerung schnell großer Zorn entwickeln.
Die meditative Praxis lehrt, Gedanken so zu beobachten, wie sie kommen und gehen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Foto: valio84sl/iStock

Die meditative Praxis lehrt, Gedanken zu beobachten, wie sie kommen und gehen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren.

Foto: valio84sl/iStock

Laut Tolle ist das, was wir als „unseren Geist“ erleben, tatsächlich etwas viel Breiteres. Es existiere außerhalb von uns und beeinflusse uns dennoch. Viele Gedanken sind nicht persönlich, und die damit verbundenen Emotionen sind es auch nicht, obwohl wir sie als solche erleben.
Tolle sprach auch von kollektiven Gedankenformen, die ganze Völker in Besitz genommen hätten, und brachte die Beispiele des sowjetischen Kommunismus und des Maoismus in China. Millionen Menschen hätten in gleichen Mustern gedacht. In der heutigen Kultur würden kollektive Gedanken durch Medien verbreitet und zu fast unanfechtbaren Grundannahmen. Wenn man sich dessen nicht bewusst sei, könne das verheerend sein.
Am Ende wissen wir vielleicht nie, „wessen“ Gedanken in uns wohnen. Sind es unsere, die anderer, die des Unbewussten oder die des kollektiven Geistes? Aber wenn wir in der Lage sind, innezuhalten, zu beobachten und uns selbst zu fragen, woher diese Stimme, die ich jetzt in meinem Kopf höre, kommt, zeigen wir bereits ein Maß an Freiheit von diesen Gedanken.
Vielleicht liegt unsere Freiheit nicht in der absoluten Kontrolle über unsere Gedanken, sondern genau in der Fähigkeit, sie zu erkennen, zu wählen, ob man sich ihnen anschließt oder nicht, und Raum für die Stille zu schaffen, die eintritt, wenn wir aufhören, ihnen nachzujagen.
Quellen und Literatur:
[1] Vygotsky, „Thinking and Speech“, 1934, Chapter 7
[2] Freud, „Lecture XXXI The Dissection of the Psychical Personality“, New Introductory Lectures On Psycho-Analysis, 1933
[3] Freud, „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“, 2009
[4] Libet, „Haben wir einen freien Willen?“, Journal of Consciousness Studies, 1999
[5] Plutarch, „De Genio Socrates“, Moralia
[6] Homer, „Odyssee“, Topos Text
[7] Platon, „Ion“, Topos Text
[8] Dostojewski, „Die Brüder Karamasow“, Projekt Gutenberg, 2009
Dieser Artikel wurde ursprünglich von „Epoch Magazine Israel“ veröffentlicht und erschien auch auf theepochtimes.com unter dem Titel „Who Is Really Thinking Our Thoughts?“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)

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