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Kinderärzte warnen vor „großem Knall“ in der Kinderkrankenpflege


In Kürze:

  • Der BVKJ warnt vor einem „großen Knall“ in der Kinderkrankenpflege binnen drei bis vier Jahren.
  • Besonders in der Spezialpflege für Neugeborene und Intensivpatienten fehlt Fachpersonal.
  • 2024 gab es nur rund 280 spezialisierte Abschlüsse in der Kinderkrankenpflege.
  • Bis 2049 könnte Deutschland insgesamt eine Pflegekräftelücke von bis zu 690.000 Fachkräften drohen.

 
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) hat vor „unerträglichen“ Zuständen in der Kinderkrankenpflege gewarnt. Verbandschef Jakob Maske spricht von einem „großen Knall“, der die Lage bereits in den kommenden drei bis vier Jahren „unerträglich“ machen könne.
Grund dafür sei insbesondere die sich abzeichnende Unterversorgung mit Fachpersonal. Im Kern lasse sich die Situation mit den Worten beschreiben: „Die einen gehen weg, die anderen kommen nicht nach.“
Maske äußerte sich dazu in einem Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ).

Verband: Generalisierte Pflegeausbildung schadet der Kinderkrankenpflege

Der neue Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann solle rasch eingreifen, mahnt der Verbandsvorsitzende. Einige Stationen müssten schon jetzt wegen der angespannten Personalsituation schließen. In Bereichen der Spezialpflege – etwa für Neugeborene, Schwerstkranke und Intensivpatienten – sei „der Mangel schon himmelschreiend“.
Schon vor zwei Jahren habe man während einer RSV-Welle Kinder oft hunderte Kilometer aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern nach Berlin verlegen müssen. Bevor der Impfstoff verfügbar gewesen sei, seien die Kliniken voll gewesen – oder mangels Personals wären Stationen geschlossen geblieben. Solche Situationen könnten künftig noch häufiger auftreten.
Als einen schwerwiegenden politischen Fehler, der die Lage verschärfe, betrachtet man beim BVKJ die 2020 in Kraft getretene Ausbildungsreform. Damals erfolgte die Umstellung auf die sogenannte generalistische Pflegeausbildung. Diese hat Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege in einem gemeinsamen Ausbildungsgang vereint.

Kinderärzte kritisieren geringere Spezialisierung

Zumindest in den ersten beiden Jahren absolvieren Auszubildende die generalistische Ausbildung. Ab dem dritten Jahr bestehen Spezialisierungsoptionen – unter anderem im Bereich der Kinderkrankenpflege. Sinn der Regelung war es, sicherzustellen, dass alle Pflegekräfte überall eingesetzt werden können, etwa auch im Altenheim.
BVKJ-Chef Maske sieht das Ziel der Reform verfehlt. Er steht auf dem Standpunkt, dass junge Menschen, die einen Pflegeberuf erlernen, eine sehr genaue Vorstellung davon hätten, mit welcher Zielgruppe sie arbeiten wollten. Wer speziell mit Kindern arbeiten wolle, müsse dennoch „vorher zwei Jahre mit Erwachsenen arbeiten“. Dies schrecke viele ab und lasse sie zu Berufen wie Lehrer oder Erzieher abwandern.
Die Qualität der Ausbildung werde schlechter, so Maske, weil alle Auszubildenden weniger Zeit im Bereich der Jugendheilkunde verbrächten – auch jene, die sich darauf spezialisieren wollten. Demgegenüber müssten selbst jene, die kein Interesse daran hätten, 120 Stunden in der Pädiatrie leisten. Dies schaffe eine Lose-Lose-Situation: „Auf den Kinderstationen haben wir Azubis, die es nicht wollen und die man nicht gebrauchen kann. Die Stellen wären mit spezialisierten pädiatrischen Pflegekräften viel besser besetzt. Das schafft riesigen Unmut auf allen Seiten.“

Pflegeausbildung wächst – spezialisierte Kinderpflege bleibt schwach

Die Kritik des Verbandes wird zum Teil durch Zahlen gestützt. Für Personen, die explizit in der Kinderkrankenpflege tätig werden wollen, ist der Weg weniger direkt als vor Einführung der Reform. Innerhalb der generalisierten Ausbildung konkurriert die Kinderkrankenpflege etwa mit der Pflege von Erwachsenen und älteren Menschen, mit ambulanter Pflege, Akutpflege und weiteren Bereichen.
Zwar ist die Zahl der Auszubildenden in der Pflege zuletzt angestiegen: Ende 2024 wurden mit 59.400 neuen Pflegeausbildungsverträgen 9 Prozent mehr abgeschlossen als im Jahr zuvor. Insgesamt gab es zu diesem Zeitpunkt deutschlandweit rund 146.700 Auszubildende in der Pflege.
2024 wählten 99 Prozent der Absolventen den generalistischen Ausbildungsweg. Im selben Jahr gab es insgesamt 37.400 Pflegeabschlüsse in Deutschland. Nur 280 Personen – 0,75 Prozent der Absolventen – erwarben den Zahlen zufolge einen speziellen Abschluss in Gesundheits- und Kinderkrankenpflege. Bereits 2023 hatte es mit 300 spezialisierten Abschlüssen nur geringfügig mehr gegeben.

Bis 2049 droht eine massive Pflegekräftelücke

Wie viele Absolventen des generalisierten Ausbildungsganges sich weiter auf die Kinderkrankenpflege spezialisieren werden, ist noch nicht abschätzbar. Die Zahl der Pflegeauszubildenden insgesamt ist zuletzt gewachsen, während der Nachwuchs für die spezialisierte Kinderkrankenpflege knapper wird. Der Pflegevorausberechnung des Statistischen Bundesamtes zufolge werde der Pflegekräftebedarf bis zum Jahr 2049 auf etwa 2,15 Millionen anwachsen. Nach derzeitigem Stand sei bis dahin eine mögliche Personallücke von 280.000 bis 690.000 zu befürchten.
Die Kinderkrankenpflege erfordert eine Reihe besonderer Qualifikationen, die über die Erwachsenenpflege hinausgehen. Diese reichen von der Entwicklungsphysiologie oder der Säuglingsbeatmung bis hin zum Umgang mit seltenen angeborenen Erkrankungen und der Kommunikation mit Eltern und Sorgeberechtigten.
Kinderkliniken müssen auch bei schwankenden und teilweise geringen Fallzahlen rund um die Uhr hochspezialisierte Strukturen vorhalten. Dies ist insbesondere bei starken Infektionswellen von besonderer Bedeutung. Eine Erhebung der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) unter 110 Kinderkliniken im Jahr 2022 zeigte teils besorgniserregende Zahlen.

Personalmangel schränkt Betrieb von Kinderintensivbetten ein

So konnten von 607 grundsätzlich aufstellbaren Kinderintensivbetten nur 367 tatsächlich betrieben werden. 240 Betten waren demnach gesperrt, vor allem wegen Personalmangels. Von den tatsächlich betriebenen Betten waren lediglich 83 frei. In 79 Kliniken nannten die Ansprechpartner fehlendes Pflegepersonal als konkreten Grund für die Sperrung von Intensivbetten. Es fehlten demnach nicht die Betten selbst, sondern vor allem das Fachpersonal, um die vorhandenen Kapazitäten zu betreiben.
Die Zahlen stammten aus der Zeit der RSV-Welle und waren deshalb eine Momentaufnahme, die nicht dauerhaft repräsentativ für die Lage in deutschen Kinderkrankenhäusern ist. Gleichzeitig deutet vieles darauf hin, dass eine grundsätzliche Entspannung der Lage nicht eingetreten ist – und die aktuelle Kritik des BVKJ unterstreicht dies.
Die generalisierte Ausbildung scheint jedoch nicht der einzige Faktor für den befürchteten Personalmangel zu sein. So ist das Problem des allgemeinen Pflegekräftemangels in Deutschland nach wie vor vorhanden. Zu den weiteren Faktoren, die zur Situation beitragen, gehören die demografische Entwicklung, die Arbeitsbedingungen in der Branche und eine steigende Zahl von Fachkräften, die in den Ruhestand treten.