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Ghosting: Schmerzhafter als Zurückweisung und schwerer zu überwinden

Die letzte Nachricht wirkte versteinert: zugestellt, gelesen – nichts. Tage vergingen, und Wochen. Für Justine Ramos war es nicht direkt herzzerreißend, sondern eher ein desorientierender Schmerz. Die Verbindung mit ihrer besten Freundin hatte einfach aufgehört, ohne Erklärung und ohne ein kommuniziertes Ende.
„Es war eines der verwirrendsten und verletzendsten Dinge, die ich je erlebt habe“, sagte Ramos gegenüber Epoch Times. Ghosting ist ein anderer Begriff für Ostrazismus (Ausgrenzung) oder das Beenden einer Beziehung, indem man einfach verstummt. Es ist mittlerweile zu einem Markenzeichen des modernen sozialen Lebens geworden. Ghosting erstreckt sich weit über Datings hinaus. Es reicht in Freundschaften und sogar in die Familien hinein.
In einer Welt ständiger Verbindungen als Norm, kann „Verschwinden“ einfacher erscheinen, als ein unangenehmes Gespräch. „Ich dachte ständig, ich müsse etwas falsch gemacht haben“, so Ramos. „Ich spielte jedes Gespräch in meinem Kopf nach und versuchte herauszufinden, wo sich eine Wende ereignet hatte. Es belastet einen mehr, als man erwarten würde, weil man nicht nur um die Person trauert, sondern auch um die Form der Beziehung, die man zu haben glaubte.“
Was Ramos erlebte, wird mittlerweile in einer Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten untersucht. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das Schweigen durchaus seinen Preis haben kann.

Was die Forschung herausfand

Eine im Jahr 2025 im Magazin „Computers in Human Behavior“ veröffentlichte Studie verglich drei Szenarien: Man kann geghostet werden. Man kann auch direkt abgelehnt werden. Und man kann auch eine normale Interaktion haben.
Teilnehmer im Alter von 18 bis 35 Jahren chatteten sechs Tage lang für täglich 15 Minuten mit einer an der Studie beteiligten Person. Es ging um eine Vielzahl von Themen, darunter Sport, Fernsehsendungen, zukünftige Lebenspläne, Liebesleben, Musik und Reisen.
Die Teilnehmer wurden dann gebeten, kurze tägliche Umfragen darüber auszufüllen, wie sie sich fühlten. Am vierten Tag endete die Interaktion entweder plötzlich ohne Erklärung (Ghosting), endete mit einer klaren Ablehnung oder wurde wie gewohnt fortgesetzt.
Sowohl Ghosting als auch direkte Ablehnung lösten negative Emotionen wie Verwirrung, Gefühle der Ausgrenzung und ein bedrohtes Selbstwertgefühl aus. Die Menschen, die direkt abgelehnt wurden, tendierten jedoch dazu, sich schneller davon zu erholen.
Wenn jemand direkt abgelehnt werde, sei das Gehirn – auch wenn es schmerze – in der Lage, die Erfahrung als abgeschlossen zu verarbeiten. Es gebe eine klare Ursache, erklärte Scott Wetzler, Professor am Department für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften am Albert Einstein College of Medicine, gegenüber der Epoch Times. Das Gehirn könne es verarbeiten, es abschließen und wieder nach vorn schauen.
Ghosting jedoch unterbreche diesen Prozess. Anstelle eines klaren Endes lasse es das Gehirn nach einem solchen suchen.

In schwebender Hoffnung gefangen

„Wenn jemand geghostet wird, lässt es ihn in einem Zustand der Ungewissheit zurück, wohingegen eine klare Ablehnung eindeutiger ist“, sagte Scott Wetzler. „Da Menschen dazu neigen, sich von ihren Hoffnungen leiten zu lassen, träumt die geghostete Person vielleicht weiterhin von der vagen Möglichkeit, dass die andere Person wieder auftaucht oder doch noch Interesse zeigt. Sie klammert sich womöglich an unrealistische Hoffnungen.“
Diese Ungewissheit nährt das Grübeln. Wetzler beschreibt Ghosting als eine Form von passiv-aggressivem Verhalten. Es enthält einem absichtlich das vor, was Menschen nach einem Beziehungsabbruch am meisten brauchen: eine Antwort.
„Wenn man geghostet wird, stellt man sich vielleicht Fragen wie ‚Warum ist das passiert?‘, ‚Warum wollen sie nicht mit mir reden?‘ oder ‚Was habe ich getan?‘ – was den Kummer verlängert“, sagte Mark Leary, emeritierter Garonzik-Professor für Psychologie und Neurowissenschaften an der Duke University, gegenüber Epoch Times. Mit der Zeit könnte sich die Verwunderung ob dieser unbeantworteten Fragen in Selbstzweifel verwandeln.
„Ghosting vermittelt, dass die zurückgewiesene Person nicht (und vielleicht auch nie zuvor) wichtig oder wertvoll genug ist, um eine Erklärung zu verdienen oder höflich behandelt zu werden“, sagte Mark Leary.
Eine Studie aus dem Jahr 2024 fügt eine weitere Ebene hinzu. Ghoster und Geghostete verwenden insgesamt ein ähnliches Ausmaß an positiven und negativen Formulierungen, um ihre Erfahrungen zu beschreiben.
Allerdings unterschieden sich die Emotionen hinter ihren Worten deutlich. Ghoster drückten oft eine Mischung aus Schuldgefühlen und Erleichterung aus. Dies deutet auf einen inneren Konflikt zwischen der Vermeidung von Unbehagen und dem Erkennen der Auswirkungen ihres Handelns hin. Im Gegensatz dazu beschrieben Geghostete häufiger etwas Einfacheres und Krasseres: Traurigkeit und Schmerz.

Wie das Gehirn Ablehnung verarbeitet

Eileen Kennedy-Moore, eine klinische Psychologin, sieht in ihrer Praxis ein Muster. „Wir spielen Ereignisse und Gespräche nach und suchen nach Hinweisen“, sagte sie gegenüber Epoch Times. „Die Ungewissheit ist schmerzhaft, daher wollen wir dringend fragen oder erklären oder etwas beweisen.“
Das könne sich darin äußern, dass man alte Nachrichten erneut lese, kleine Details anzweifele oder Schweigen als verborgene Bedeutung interpretiere.
Ein Grund dafür, dass diese Gefühle so intensiv sind, mag darin liegen, wie das Gehirn Ablehnung verarbeitet.
Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass soziale Ablehnung teilweise dieselben Nervenbahnen aktiviert wie körperliche Schmerzen. Das bedeutet, dass diese Erfahrung nicht nur als emotionaler Schmerz empfunden wird, sondern auch das Alarmsystem des Gehirns in einer Weise aktiviert, die unmittelbar und schwer zu ignorieren ist.
Romantische Beziehungen sind stark mit Gehirnchemikalien wie Dopamin verbunden – das Vergnügen und Belohnung vermittelt – und Oxytocin, das hilft, sich verbunden und jemandem nahe zu fühlen. Wenn eine Beziehung plötzlich ohne Erklärung endet, gerät dieses System aus dem Gleichgewicht.
Tatsächlich zeigen Forschungsergebnisse, dass Liebe und Sucht sich überlappende Hirnsysteme betreffen, insbesondere die Teile, die für das Belohnungssystem zuständig sind. Dies trägt zu der Erklärung bei, warum sich der Verlust so intensiv anfühlen kann.

Wie die Technologie Ghosting noch schmerzhafter macht

Schätzungsweise 20 bis 40 Prozent der Allgemeinbevölkerung in den USA haben Ghosting erlebt, entweder als Geghostete, als Ghoster oder beides. Auch in Deutschland ist Ghosting längst keine Randerscheinung mehr. Hinzu kommt der wachsende Zugang zu Technologie, der ebenfalls eine Rolle spielen könnte.
Soziale Medien und Messaging-Apps vereinfachen es mehr denn je, die Kommunikation sofort abzubrechen – oft ohne die soziale Verantwortung, die mit einer persönlichen Interaktion einhergeht. Wenn Gespräche hinter Bildschirmen stattfinden, fühlen sich Menschen möglicherweise weniger verpflichtet, einen Abschluss oder Erklärungen anzubieten, und die Vermeidung von Unbehagen wird so einfach wie das Nicht-Antworten.
„In den sozialen Medien können wir negatives, ablehnendes Feedback von Tausenden Menschen erhalten. Unser Gehirn ist nicht darauf ausgelegt, so viel negatives Feedback zu verarbeiten“, sagte Leary.
In der Vergangenheit prägte nur ein kleiner Kreis von Menschen, wie Familie und enge Freunde, unser Selbstbild. Heute jedoch haben soziale Medien diesen Kreis dramatisch erweitert. Infolgedessen fühlen wir uns oft von Fremden verletzt, die wir nie treffen werden und die kaum reale Auswirkungen auf unser Leben haben, so Leary.
Soziale Medien verwischen auch die Grenze zwischen privater und öffentlicher Ablehnung. Wenn sich Interaktionen oder Trennungen online abspielen, können sie sichtbare Spuren hinterlassen – Fotos, Kommentare oder Änderungen des Beziehungsstatus –, was die Erfahrung, geghostet zu werden, intensiviert.
In einer vernetzten Welt wirken unerklärliche Kontaktabbrüche durch Personen, die einem wichtig sind, sehr verstörend. Foto: Primorac91/iStock

In einer vernetzten Welt können unerklärliche Kontaktabbrüche durch Personen, die einem wichtig sind, noch verstörender wirken.

Foto: Primorac91/iStock

Doch wie geht’s weiter?

Experten sind sich einig, dass vielleicht niemals ein Schlussstrich gezogen wird und das Bemühen darum den Schmerz höchstwahrscheinlich verlängert.
Nachdem Ramos in Gedanken die Leerstellen ausgefüllt, jede Nachricht immer wieder durchgespielt und nach einem Grund gesucht hatte, den sie jedoch nicht fand, kam sie zu einer schwierigen Erkenntnis. „Mit der Zeit habe ich gelernt, zu akzeptieren, dass ein guter Abschluss nicht unbedingt von der anderen Person kommt. Manchmal muss man ihn sich selbst schaffen, auch wenn es sich unvollendet anfühlt.“
Obwohl ein Abschluss für Ramos keine Option war, entschied sie sich, die Situation zu akzeptieren, und es nicht persönlich zu nehmen.
„Das erleichterte es mir, die Situation zu akzeptieren und weiterzumachen, da ich wusste, dass es nichts war, was ich in meinem Leben brauche“, sagte sie.
Ihre Erfahrung verdeutlicht, was beim Ghosting oft fehlt: Klarheit.

Wo Klarheit fehlt, muss man sie selbst schaffen

Für Menschen, die eine Ablehnung aussprechen, ist eine klare und respektvolle Kommunikation wichtiger als die Vermeidung von Unbehagen im Moment. Anstatt zu verschwinden oder gemischte Signale zu senden, hilft eine kurze, ehrliche Erklärung, die Würde der anderen Person zu bewahren und unnötige Verwirrung zu reduzieren.
Leary schlägt vor, die Erfahrung neu zu interpretieren: Eine Ablehnung, ob direkt oder indirekt, sagt in der Regel mehr über die gemeinsame Kompatibilität und soziale Einbindung aus als über den persönlichen Wert.
„Der Schlüssel ist, zu vermitteln, dass man jemanden, obwohl man ihn ablehnt, nicht notwendigerweise nicht mag, hasst oder völlig abwertet“, sagte Leary – ein Rat, der sich ebenso an diejenigen richtet, die ghosten, wie an diejenigen, die geghostet werden.
Für Kennedy-Moore liegt ein hilfreicher Wandel darin, die Aufmerksamkeit zu verlagern: weg von der Person, die verschwunden ist, hin zu denen, die nicht verschwunden sind.
„Die richtige Person wird darauf brennen, mit Ihnen zusammen zu sein“, sagte sie. „Sie wird Sie wertschätzen. Jemand, der nicht einmal auf eine Textnachricht antwortet, erfüllt diese Kriterien nicht. Geben Sie sich nicht mit Krümeln zufrieden. Es ist auch wichtig, Zeit mit Menschen zu verbringen, die Sie wirklich lieben und schätzen.“
Der Artikel erschien im Original bei theepochtimes.com mit dem Titel „Why Being Ghosted Hurts More Than Rejection and Is Harder to Move on From“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)