Karl der Große ist einer der größten und bekanntesten Herrscher Europas. - Foto: Ilya Nesterenko/iStock
In Kürze:
Als Europa zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert im Chaos versank, ging ein Volk als Sieger daraus empor: die Franken.
Ihrer Dynastie entsprangen zahlreiche merowingische und karolingische Könige, wobei Karl der Große bis heute einer der bedeutendsten ist.
Um sein Königreich zu stärken, förderte der fromme Christ die Bildung seines Volkes durch zahlreiche Reformen.
Die Geschichte hat ihm nicht nur den Bau des Aachener Doms und zahlreicher Schulen zu verdanken, sondern auch die Erfindung der Kleinbuchstaben und Satzzeichen.
Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 zerfiel Europas antike Hochkultur. Die mit Blut erkämpfte Stabilität, die Rom seinen Bürgern garantierte, wurde zu einer fernen Erinnerung.
Auf dem gesamten Kontinent brachen Kriege aus, die Hungersnöte und Seuchen verbreiteten. Drei Jahrhunderte voller Konflikte zwischen rivalisierenden Königen verwüsteten Häfen, Schulen, Bibliotheken und andere Zentren des kulturellen Austauschs im einstigen Großreich.
Zu den triumphierenden Persönlichkeiten in dieser Zeit gehörte Karl der Große (748–814). Um sein Königreich zu stärken, die Alphabetisierung zu fördern und das Christentum zu verbreiten, führte er eine Reihe von Bildungsreformen durch.
Es kam zu einer wahren Renaissance während der sogenannten Karolingerzeit (751–919). Diese Zeit der kulturellen Wiederbelebung zielte darauf ab, das Erbe der Vergangenheit zu bewahren und eine bessere Zukunft zu gestalten.
Europa im Umbruch
Karl der Große stammte von den Franken ab, einem alten germanischen Stamm, der sich vor mindestens 2.000 Jahren im heutigen Frankreich niedergelassen hatte. Ihr erster König war Chlodwig I. (466–511).
Als Mitglied der Merowinger-Dynastie war Chlodwig gleichzeitig einer der bekanntesten Franken, der zum katholischen Glauben konvertierte. Viele andere Franken waren dem Christentum zunächst fern.
Chlodwigs Taufe löste unter den germanischen Stämmen jedoch eine Welle von Bekehrungen aus. Später schöpfte das Königreich seine Kraft aus einer homogenen religiösen Identität. Dieses Glaubensbekenntnis verschaffte zudem die Unterstützung der katholischen Kirche in Rom, was sich als entscheidend für ihre politischen Bestrebungen erweisen sollte.
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Diese französische Buchmalerei zeigt die Taufe von Chlodwig I.
Im 7. Jahrhundert war der merowingische König lediglich ein symbolisches Staatsoberhaupt. Die wahre politische Macht besaß der sogenannte Hausmeier. Männer dieses Amtes hatten die Befugnis, das Hofpersonal zu prüfen, Verwaltungsbeamte im gesamten Königreich zu ernennen und die königliche Armee zu befehligen. Wie ein Hofmitglied von Karl dem Großen einst gesagt haben soll:
„Dem [merowingischen] König blieb nichts anderes übrig, als sich mit seinem Königstitel, seinem wallenden Haar und seinem langen Bart zufrieden zu geben.“
Mit Childerich III. (um 720–755) wurde der letzte merowingische König im Jahr 751 abgesetzt. Man scherte ihm öffentlich sein langes Haar, was den Verlust der Ehre und Königswürde symbolisierte, und verbannte ihn in ein Kloster.
Das Gemälde „Der letzte Merowinger“ von dem französischen Maler Évariste-Vital Luminais (1821–1896) zeigt Childerich III. nach seiner Absetzung.
Eingeleitet hat dies der Karolinger „Pippin der Kleine“ (auch „Pippin der Jüngere“ genannt) mit Zustimmung von Papst Zacharias (679–752). Fortan regierte der ehemalige Hausmeier Pippin III. (714–768) als erster karolingischer König über das Reich.
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Die mittelalterliche Buchmalerei zeigt Papst Zacharias, der Pippin den Jüngeren krönt (o.) und die Absetzung von Childerich III. (u.).
Im Jahr 756 schenkte er Papst Stephan II. (714–757) eroberte Gebiete in Mittelitalien, ein Akt, der auch als Pippinische Schenkung bekannt ist. Diese Gebiete bildeten später den Grundstein für den Kirchenstaat, der zur einflussreichsten religiösen, politischen und kulturellen Einheit im Mittelalter wurde.
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Das Fresko von Giovanni Battista Ricci (um 1537–1627) bildet die Pippinische Schenkung ab.
Als Pippin III. starb, erbten seine beiden Söhne das Reich als gemeinsame Herrscher. Obwohl sie blutsverwandt waren, versuchten Karl (748–814) und Karlmann (751–771), einander durch eine Reihe von Intrigen zu untergraben. Karls Anhänger führten ihre Streitigkeiten auf Fehleinschätzungen der Berater Karlmanns zurück, während die Verbündeten des jüngeren Bruders Karl als machtgierigen Despoten ansahen.
Im Jahr 771, als die Gefahr eines Bürgerkriegs drohte, starb Karlmann unerwartet eines natürlichen Todes. Sein plötzliches Ableben kam Karl zugute, der zum alleinigen Herrscher wurde. Wie sein Vater setzte Karl die Verteidigung des Papsttums gewaltsam fort.
Darstellung Karls des Großen in der Chronik des Ekkehard von Aura um 1112/14.
Er besiegte die Langobarden in Norditalien, schlug die heidnischen Sachsen im heutigen Deutschland zurück und drang bis nach Nordspanien vor, um die päpstlichen Gebiete vor dem muslimischen Kalifat zu verteidigen, das die Iberische Halbinsel beherrschte. Seine Klugheit, seine Unerbittlichkeit und mehr als 50 Feldzüge brachten Karl den Titel „Charlemagne“ (zu Deutsch: „Karl der Große“) ein.
Im Jahr 800, am Weihnachtstag, reiste Karl der Große nach Rom, wo ihn Papst Leo III. (750–816) zum Kaiser krönte. Das Karolingerreich umfasste den größten Teil des heutigen Frankreichs, Deutschlands, Belgiens, der Niederlande und Italiens. Als erster westlicher Kaiser nach 300 Jahren machte sich Karl der Große neue, mächtige Feinde. Doch er erlangte auch die Macht, Europa aus den Wirren zu befreien.
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Krönung Karls des Großen, ein Wandbild von Alfred Rethel (1816–1859) und Josef Kehren im Krönungssaal des Rathauses von Aachen.
Sein komplettes Lebenswerk hielt Einhard (um 775–840), der fränkische Gelehrte und Vertraute Karls, in der Biografie „Vita Karoli Magni“ fest. Zusammen mit den „Annales regni Francorum“ sind so aufschlussreiche Dokumente über die Regierungszeit des Kaisers erhalten geblieben.
Einhard (um 775–840) war ein fränkischer Gelehrter, der die Biografie von Kaiser Karl dem Großen schrieb.
So überliefert Einhard die zahlreichen militärischen Erfolge des Kaisers – darunter einen furchtlosen Feldzug durch unwegsame Gebirgskämme in den italienischen Alpen. Für den Biografen waren diese Heldentaten ein Beispiel für Karls außergewöhnliche Willenskraft:
„Aber in seinem hohen Sinn und seiner in Glück und Unglück sich gleich bleibenden Beharrlichkeit ließ sich der König durch keinen Wankelmuth von ihrer Seite ermüden, noch von dem, was er sich einmal vorgenommen hatte, abbringen“.
Einhard lobte außerdem die Beredsamkeit von Karl, die ihm in heiklen Debatten den Sieg und entscheidende Unterstützung von zögernden Verbündeten sicherte: „Reich und sicher floß ihm die Rede vom Munde, und was er wollte, konnte er leicht und klar auszudrücken“.
Die Beredsamkeit des Kaisers beruhte zum großen Teil auf seinen Lateinkenntnissen. Während des gesamten Mittelalters konnten Angehörige der Elite ohne das Studium der lateinisch-griechischen Rhetorik keinen sozialen Aufstieg erreichen. Doch dieses war wichtig, um zu einem scharfsinnigen Denker, überzeugenden Redner und guten Anführer zu werden. Karl der Große soll das Lateinische ebenso gut beherrscht haben wie seine Muttersprache.
Ausschnitt aus der „Vita Karoli Magni“: In der Initiale V ist der thronende Karl der Große dargestellt.
Im 8. Jahrhundert war Latein noch immer die offizielle Sprache der Diplomatie. Es war auch die Amtssprache der katholischen Kirche, die zu dieser Zeit bereits auf lateinische Übersetzungen des hebräischen Alten Testaments und des griechischen Neuen Testaments zurückgriff.
Karl der Große war ein strenger Christ. Seine Frömmigkeit nahm viele Formen an. Er ließ beeindruckende Gotteshäuser errichten, wie den Dom in seiner Hauptresidenz Aachen, wo er 814 beigesetzt wurde.
Der Aachener Dom ist einer der ältesten Europas. Seine prächtige Gestaltung verkörpert den ästhetischen Wandel von den runden Formen romanischer Bauwerke hin zu den nach oben streckenden Spitzbögen der gotischen Architektur.
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Blick auf den Aachener Dom, dessen Bau Karl der Große in Auftrag gab.
Foto: A-Basler/iStock
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Der reich verzierte, achteckige Innenraum des Aachener Doms.
Foto: Wirestock/iStock
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Die Chorhalle des Aachener Doms ist mit großen Buntglasfenstern geschmückt. Hier sind auch wichtige religiöse Artefakte ausgestellt.
Foto: hain tarmann/iStock
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Der marmorne Karlsthron, auch Aachener Königsthron genannt, im Aachener Dom. Hier wurden seit 936 die römisch-deutschen Könige gekrönt.
In dem 1182 gefertigten Karlsschrein liegen die umgebetteten Gebeine von Karl dem Großen. Eine anthropologische Untersuchung aus dem Jahr 2010 ergab, dass Karl der Große mit 1,84 Metern für die damalige Zeit überdurchschnittlich groß war.
Foto: hain tarmann/iStock
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Die Karlsbüste, die speziell zum Karlsfest im Aachener Dom aufgestellt wird, ist ein um 1350 geschaffenes Reliquiar, welches die Schädeldecke Karls des Großen enthalten soll.
Angetrieben von seiner Liebe zum Lateinischen bemühte sich Karl der Große um eine Reform der Kirche und des Bildungswesens. Die alte Sprache war für ihn ein Tor zum Glauben – ein Weg, sein spirituelles Leben zu bereichern und anderen zu helfen, ihr eigenes zu verbessern.
Doch die Alphabetisierung im karolingischen Reich befand sich in einem desolaten Zustand. Ohne Grundkenntnisse im Lateinischen, so glaubte Karl der Große, würden die Segnungen des Glaubens unerreichbar bleiben.
Karl der Große und seine Reformen
Im Jahr 789 veröffentlichten Karls Beamte die „Admonitio generalis“ – eines der bekanntesten Kapitulare. Diese hoheitliche Anordnung ähnlich einem Gesetz erklärte Karl zum geistlichen Verwalter des Reiches. Als solcher war er für die moralische Integrität seines Volkes verantwortlich, die eng mit der Integrität der Kirche verbunden war.
Originaltext der „Admonitio generalis“ von 789, der sich in der Nationalbibliothek von Paris befindet.
Verärgert über einen seiner Meinung nach undisziplinierten Klerus, ermahnte Karl der Große Priester und Bischöfe, der Korruption zu widerstehen und ihre Pflichten zum Wohle aller zu erfüllen. Ein Teil des Problems lag seiner Ansicht nach im Fehlen der lateinischen Sprache. Dies verhinderte eine tiefe Auseinandersetzung mit der christlichen Literatur, einschließlich der Bibel.
Um die Alphabetisierung zu fördern, rief Karl der Große zunächst seine eigene Hofschule ins Leben. Hier forschten und lehrten zahlreiche führende Gelehrte des gesamten Reiches, unter anderem Einhard und Alkuin von York (um 735–804), die zusammen mit dem volksnahen Kaiser und seinem Gefolge von Pfalz zu Pfalz durch das Herrschaftsgebiet reisten.
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Die Illustration in einem Manuskript zeigt Hrabanus Maurus (l.), der auf Raten von Alkuin (m.) sein Werk dem Erzbischof Otgar von Mainz übergibt.
Der Lehrplan der Hofschule soll dabei nicht nur militärische Strategien und höfische Umgangsformen, sondern auch Dichtkunst, Literatur, Astronomie und praktisch jede existierende Disziplin umfasst haben. Detaillierte Inhalte sind jedoch nicht erhalten.
Bekannt ist aber, dass Alkuin vom Kaiser damit beauftragt wurde, das neue Bildungsmodell im gesamten Reich zu verbreiten. Der Mann, den Einhard als „den größten Gelehrten seiner Zeit“ bezeichnete, leitete daher den Aufbau zahlreicher Domschulen.
Obwohl bescheidener als die Hofschule, lehrten diese Einrichtungen vielen jungen Männern – Geistlichen und Laien gleichsam – die „sieben freien Künste“: lateinische Grammatik, Rhetorik, Logik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik. Lehrpläne vereinheitlichten zudem den Unterricht und trugen dazu bei, die Sprache am Leben zu erhalten, wodurch griechisch-römische und christliche Traditionen für kommende Generationen gesichert waren.
Karolingische Schulen waren zudem verpflichtet, Gesang und liturgische Hymnen zu unterrichten. Die Schüler lernten die Psalmen und andere Sammlungen religiöser Lieder auswendig, von denen man glaubte, dass sie eine tiefere Beziehung zur Bibel fördern würden.
Künstlerische Darstellung der Sieben Freien Künste. In der Mitte thront die Personifikation der Philosophie.
Kleinbuchstaben: Neue Zeichen erleichtern das Lernen
Um die Abschrift, Weitergabe und das Studium von Texten zu erleichtern, führten Alkuin und seine Gelehrtenkollegen eine scheinbar triviale, aber bahnbrechende Erfindung ein: Kleinbuchstaben. Offiziell als karolingische Minuskel bezeichnet, revolutionierte dieses neue Mittel das Schreiben.
Bis zum Ende des 8. Jahrhunderts hatten Schreiber fast ausschließlich Großbuchstaben verwendet. Sie setzten weder Leerzeichen zwischen den Wörtern noch verwendeten sie Satzzeichen. Diese Gewohnheit sparte zwar wertvolles Papier, beeinträchtigte jedoch die Lesbarkeit. Noch heute haben Experten Schwierigkeiten, vorkarolingische Handschriften zu entziffern.
Die karolingische Minuskel erleichterte die Unterscheidung von Wörtern und vereinheitlichte die Handschrift, die je nach Schreiber und Schüler stark variieren konnte. Neben nützlichen Leerzeichen und einheitlichen Buchstabengrößen förderten die Karolinger auch die Verwendung von Satzzeichen, was Texte noch lesbarer machte. Es überrascht nicht, dass Bücher dadurch leichter zu kopieren, zu lesen und zu verbreiten waren.
Ausschnitt aus einer Alkuin-Bibel. Der Text ist abgesehen von einer Zeile in Auszeichnungsschrift in karolingischer Minuskel geschrieben.
Karls Bemühungen waren kein Einzelfall. Drei Jahrhunderte zuvor hatten die spätantiken Politiker Boethius (um 480–526) und Cassiodor (um 490–580) ähnliche Versuche unternommen. Boethius verbrachte unzählige Stunden damit, griechische Philosophie ins Lateinische zu übersetzen, während Cassiodor das Vivarium gründete: ein Kloster in Süditalien, das sich der Abschrift und Übersetzung wertvoller Texte widmete. Ihr Ziel war dasselbe: erbauliche Literatur für die Nachwelt zu bewahren.
Obwohl diese Bemühungen großen Einfluss hatten, wurden sie größtenteils im Alleingang unternommen. Nur ein systematisches, von oben gesteuertes Programm wie das Karls des Großen konnte einen dauerhaften Wandel gewährleisten.
Nach einer Schätzung von Dr. Eltjo Buringh aus dem Jahr 2011 produzierten Klöster allein im 9. Jahrhundert mehr als 100.000 Handschriften, von denen etwa 7.000 erhalten sind. Von allen historischen Überlieferungen vor dem 9. Jahrhundert sind nur 2.000 erhalten.
Das Kloster Lorsch in Hessen existierte bereits in der Karolingerzeit.
Karl der Große interessierte sich in erster Linie für christliche Literatur. Doch wie Boethius und Cassiodor erkannte auch er, dass die griechischen und römischen Traditionen es wert waren, bewahrt zu werden, da sie nützliche Erkenntnisse in Ethik und Politik lieferten.
Die Bemühungen des Kaisers, die Alphabetisierung zu fördern und die Beziehung seines Volkes zu Gott zu vertiefen, führten zur Bewahrung wichtiger religiöser und philosophischer Texte. Diese Texte beflügelten später so unterschiedliche und entscheidende Bewegungen wie die Reformation, die italienische Renaissance und die Französische Revolution. Das unauslöschliche Vermächtnis der karolingischen Renaissance ist deshalb ein beeindruckendes Zeugnis für die weltgestaltende Kraft des geschriebenen Wortes.
Porträt von Karl dem Großen, gemalt von Albrecht Dürer (1471–1528).