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Gezählte oder gelebte Jahre?

Da flattert mir eine Frage als E-Mail auf den Computer, die mich überrascht. Eigentlich eine Frage, die jeder beantworten könnte, die aber offensichtlich immer beiseite geschoben wird: „Wie erleben Sie eigentlich das Älterwerden?“ Was hat mein Alter bis jetzt geprägt, das heißt, wie sieht denn meine Vergangenheit aus?
Jeder Mensch hat eine Vergangenheit. Lächerlich klingt in meinen Ohren immer die Melodie: Wir schauen nicht zurück, sondern nach vorne. Wenn ich aber nicht weiß, woher ich komme, weiß ich dann, wohin ich gehen werde? Also, was prägt mich heute als Ergebnis des Denkens und Handelns in den vergangenen Jahrzehnten?
Nur ein kleines, simples Beispiel. Schauen wir uns in der Wohnung um, entdecken wir da nicht auch manche Gegenstände, die nur der lieben Gewohnheit wegen herumstehen, die einem aber nichts mehr sagen?
Bei meinen Großeltern war ich immer fasziniert von einer Sammeltasse, die in der Küche auf dem Vertiko stand mit dem Spruch „In Bad Kissingen habe ich Dein’ gedacht und dir dies Tässchen mitgebracht.“ Welchen Sinn machte es für mich, diese Tasse aus der deutschen Kaiserzeit um 1900 aufzuheben?
Ist der Gegenstand nur ein Staubfänger, gehört also entsorgt oder hängt an ihm ein Sinn, eine liebe Erinnerung. Damit stellt sich für mich die Frage, gab es nur ein gezähltes Leben oder sollte es ein gelebtes Leben sein, auf das wir – ich – zurückblicke. So wird vermutlich jede alte Person sich vor die Frage stellen: war es das, war es sinnvoll, habe ich für mich oder auch für andere gelebt?
Faszinierend ist das Theaterstück von Molière „Der eingebildete Kranke“ (1673). Ihm machte Spaß, Menschen seiner Umgebung zu scheuchen, Schicksal zu spielen, zu befehlen, ihm doch in seiner „Krankheit“ zu helfen. Können wir in jungen Jahren diese wundervolle Charakterstudie verstehen, die einerseits die Laster und Schwächen des Menschen beschreibt, auch wenn wir noch keine eigene Erfahrung über dieses So-Sein des Menschen gemacht haben? Heißt das aber, dass zum Verstehen auch eine bestimmte Erfahrung notwendig ist, dass die Zwanzigjährige einen Sachverhalt anders beurteilt als eine erfahrene Rentnerin?
Lese ich Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ (1956) heute aufgrund meiner inzwischen erworbenen Kenntnisse anders? Lügner, geldgierige Betrüger und hohle Phrasendrescher gehören zum klassischen Personal einer Komödie.
Sollte ich aber nicht aufgrund der Wirklichkeit und meiner jahrzehntelangen Erfahrung mit der Realität von Politik und Gesellschaft der letzten Jahre hingewiesen werden? War Dürrenmatt ein Hellseher? Nur, was mache ich mit dieser Erkenntnis? Das ist eben das Fatale im Alter. Wem kann ich meine „Altersweisheiten“ mitteilen?
Wie oft habe ich schon Max Frischs Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“ (1958) erlebt. In meinem ganzen Leben begegnete ich Menschen, die wegsahen, schwiegen oder aus Angst und Bequemlichkeit nicht handelten. Heute kann aus den Ereignissen der frühen 1930er-Jahren erneut geschlossen werden, wie zentrale gesellschaftliche Fragen wie Verantwortung, Verdrängung, Ignoranz und Tabus den Umgang mit extremen Ideologien und fehlgeleiteter Toleranz zerstörerisch sein können.
Obwohl immer wieder auf die drohende Gefahr hingewiesen wurde, wachte meine Generation erst nach 1968 auf, als Terroristen zehn Jahre später Menschen ermordeten.
Warum werden heute kritische Fragen zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung diskriminiert? Als Historiker kann ich es kaum fassen, dass seit 1968 Zustände und Entwicklungen festgestellt werden können, die sich schleichend in Politik und Gesellschaft eingenistet haben. Es gibt heute etwa 30–40 Parallelen zur Zeit des Nationalsozialismus.
Mein „Alter“ ist angefüllt mit Wissen, mit Informationen, die ich erst allmählich verstehen bzw. verarbeiten konnte.
Wer denkt wann schon ans Alter? Schon gar nicht an das eigene. Oder erst dann, wenn man meint, körperliche Beschwerden würden den Alltag beeinträchtigen? Wann ist man alt? So alt wie man sich fühlt? Ist man alt, wenn man an Jahren alt ist?
Was altert nach der Geburt? Der Körper. Äußerlich altern wir gleichmäßig. Aber das zählt nicht. Was zählt, ist das innerliche Altern. Der Geist wird hoffentlich weiterentwickelt bzw. sollte sich weiterentwickeln, meinte einmal Cicero.
Die Anregungen der Umwelt lassen den Geist, das Denken verändern. Wie kommt es, dass ich Mühe habe, viele Treppen zu steigen, aber wohl kaum ein Buch mit mehr als hundert Seiten zu schreiben? Für den Körper gibt es immer wieder Mittelchen, um der Welt zu beweisen, dass ich noch „kann“. Oft wird junges Aussehen bloß deshalb gerühmt, weil es sonst nichts mehr zu rühmen gibt. Muskeln, die nicht geübt werden, verkümmern, heißt es beim Physiotherapeuten gegenüber den Alten.
Gibt es „Botox“-Mittelchen auch für den Geist? Ja. Das nennt man Ideologie. Immer nur bestätigt, unverändert, da die Gewissheit, richtig zu denken, das Wesentliche einer Religion ist. Auswendiglernen wird seit der Bildungsreform (1964) verpönt. Dabei ist dieses „Botox“ für das Gedächtnis!
Was ist denn daran so schlimm, wenn ich in den Spiegel schaue und sehe, dass ich eben Ende 70 bin und nicht mehr 30? Erfahrungen, das Leben, Niederlagen und Erfolge haben mein Gesicht geprägt. Na und? Ja, ich habe gelebte Jahre hinter mir, nicht nur gezählte.
Ich merke leider immer mehr, wie in Gesellschaft, Kirche und Politik Selbstverständlichkeiten der früheren Jahre verloren gehen, aber nichts anderes an Werten den „Geist“ erfüllt.
Selbstverständlich kann diese Kritik kaum verallgemeinert werden, aber wichtig ist doch wohl, dass das frühere Können bei vielen Menschen in zunehmendem Alter nachlässt. Ich lehne meist ab, Termine und Telefonnummern aufzuschreiben. Wofür habe ich denn ein Gedächtnis? Da brauche ich mich nicht umstellen. Wie bei der Ideologie bzw. Religion. Keine Veränderung.
Aber Trägheit ist ein nicht zu unterschätzender Einfluss auf das zu gestaltende Leben. Je älter ich werde, umso mehr erstaune ich über diese sinnlose Lebenseintönigkeit anderer Personen. Manchmal ärgere ich mich über diese Eintönigkeit, da manche verantwortungslose Erwachsene ihren Kindern kaum die reichhaltige Welt erschließen können. Wollen sie dies überhaupt? Wissen sie eigentlich, wie wunderbar bereichernd ein Tag in einem fremden Land oder an der Ostseeküste ist, anstelle immer ins Allgäu zu fahren? Mein Beruf brachte es mit sich, dass ich mich um Ideen und Meinungen früherer Generationen kümmern musste. So gibt es eine hervorragende Aussage des Unternehmers Friedrich Harkort zu Beginn des 19. Jahrhunderts: „Bildung schafft Bedürfnisse, allein eben diese sind der Sporn des Fleißes … In jedem neugeborenen Armen, welcher unwissend bleibt, erwächst der Gesellschaft ein neuer Feind.“
Deshalb seine Bemühungen, Schulen in Dörfern zu errichten. Der Sozialist Ferdinand Lassalle kritisierte die „verfluchte Bescheidenheit im Geiste“. Ein Erwerbssinn und der Geist der freien Betätigung sollten sich entwickeln. Doch wo sehe ich im Rückblick die Verwirklichung dieser immer noch lobenswerten Gedanken?
Für mich gehören meine Studentinnen und Studenten zu einer betrogenen Generation. Sie hat auch nicht gelernt, Fragen zu stellen. Sie lebt nicht mit dem Wort „Warum“. Offenbar ist ihr vieles gleichgültig …
Als Frucht der seit den 1960er-Jahren um sich greifenden sozialistischen Gedanken nahm ich zur Kenntnis, dass ein besseres Leben durch die „neue“ Sozialpolitik des Staates auch ohne höhere Leistung möglich war. Und da soll der Alte ruhig bleiben? Der betreute Bürger im Hasenkasten, der täglich auf sein Futter wartet, ist heute das Ideal. Warum nicht fröhliche Sklaven sein?
Im 19. Jahrhundert rangen die Ideen des Liberalismus und der Demokratie miteinander, da sie sich grundlegend gegenseitig ausschlossen. Der Liberalismus war die treibende Kraft, sich durch Erwerb von Bildung politisch zu betätigen. Dagegen sah die Demokratie die Beteiligung einer jeden Person an der Politik als gegeben vor. Diesen Unterschied konnte ich an der Universität vermitteln. Je älter ich werde, desto mehr treibt mich die Frage nach dem Sinn eines freiheitlichen Lebens um.
Ein gescheiter Mann hat einmal gesagt: „Die ersten 50 Jahre des Lebens liefern den Text, die späteren den Kommentar dazu“. Kommentar heißt ja wohl, Rückblick. Erkenne ich jetzt im Alter eher Zusammenhänge, die heute mich bewerten lassen, ob die Entscheidung damals gut oder schlecht war?
Hatte ich Glück, so alt zu werden? Ich habe mich daran gewöhnt, mich im Alter  zur Lücke, zum Mangel und zum Unfertigen zu bekennen, da ich mich meist ohne Zwang als freies Wesen entscheiden konnte bzw. mich auch heute noch entscheiden kann.
Mein Alter kennt jetzt Zeit und Muse, um über vieles ohne Druck nachzudenken. Das führt mich zu der Frage, warum gibt es in Politik und Gesellschaft so selten die Frage nach dem Sinn unseres Daseins, unseres Lebens? Sicher, es gibt platte ideologisch aufbereitete wohlfeile Schlagworte dazu, die eher zum Un-Sinn führen. Weil Leben gegenüber früheren Zeiten leichter und sicherer geworden ist, sollten mich Fragen nach dem Sinn begleiten. Tun sie es?
Alter sollte als Chance verstanden werden, in einem letzten Stadium ein sinnvolles Leben zu erfahren. Wer definiert aber, was Sinn ist? Das, was der Mensch braucht – Essen, Trinken, Schlafen – oder etwas anderes? Ich machte im Alter die Erfahrung, dass die wichtigste Frage allzu selten gestellt wird: Warum?

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