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Wenn sich unsere Begierden gegen uns selbst richten


In Kürze:

  • In Zeiten der Versuchung können Begierden schnell die Kontrolle übernehmen und Schaden anrichten – doch das muss nicht sein.
  • Die 8. Aufgabe des griechischen Helden Herakles zeigt, dass Gewissen und Moral die Selbstzerstörung verhindern können.
  • Bleiben diese Einsichten aus, kann sich Schwäche schnell in menschliche Grausamkeit verwandeln.

 
Die Aufgaben des Herakles bilden in ihrer Gesamtheit so etwas wie eine moralische Erziehung – nicht bloß eine Abfolge von Abenteuern, sondern eine schrittweise Prüfung des Charakters des Helden.
In den ersten Aufgaben sah er sich mit dem Nemeischen Löwen und der Lernäischen Hydra Gefahren gegenüber, die die natürliche Ordnung bedrohten. Spätere Prüfungen verfeinerten die zunächst grob wirkende Natur des Helden, indem er Demut, Selbstbeherrschung, ganzheitliches Denken, Wahrhaftigkeit und Verantwortung lernte. So betrachtet, bilden die Aufgaben eine Art ethischen Lehrplan.
Doch in der achten Aufgabe sieht sich Herakles mit etwas noch Dunklerem konfrontiert. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Bedrohungen, denen er ausgesetzt war, größtenteils äußerer Natur: wilde Tiere, Monster oder außer Kontrolle geratene Naturgewalten. Nun begegnet er einer Verdorbenheit, die unverkennbar menschlicher Natur ist.
Das Problem ist nicht mehr bloß Stärke oder Chaos, sondern ein bewusst auf Grausamkeit ausgerichtetes Verlangen. Es ist dieser Abstieg in die moralische Verzerrung, der der Geschichte von den Stuten des Diomedes ihre beunruhigende Kraft verleiht.

Von wilden Tieren zur menschlichen Verdorbenheit

Das Ziel dieser Aufgabe ist kein Drache oder ein Tier mythischen Ursprungs, sondern vier Stuten. Diese gehören König Diomedes, einem Sohn des Kriegsgottes Ares, dessen Herrschaft in Barbarei versunken ist.
Doch die Pferde sind keine gewöhnlichen Tiere. Sie wurden darauf trainiert, oder besser gesagt, dazu verdorben, sich von Menschenfleisch zu ernähren. Ihre Namen variieren in verschiedenen Überlieferungen, doch ihr Charakter ist einheitlich: Sie sind wild, unkontrollierbar und erschreckend hungrig.
Auf den ersten Blick erscheint die Aufgabe einfach. Herakles muss die Stuten einfangen und sie lebendig zu König Eurystheus bringen, der ihm diese Aufgabe auferlegt hat. Doch wie so oft liegt die tiefere Bedeutung nicht nur in der Aufgabe selbst, sondern in der moralischen Welt, die das Problem hervorgebracht hat: Die Stuten sind nicht deshalb monströs, weil Pferde von Natur aus gefährlich sind, sondern weil menschliche Grausamkeit sie zu Raubtieren gemacht hat.
Diomedes fütterte sie mit menschlichen Opfern – Fremden, Gefangenen und Reisenden –, bis ihr Geschmack für Blut zur Gewohnheit wurde. Gewalt ist zur Normalität geworden – ihr Appetit wurde auf Zerstörung trainiert. In diesem Sinne sind die Stuten nicht einfach nur Tiere, sondern Verkörperungen der moralischen Verwirrung eines Herrschers.
An dieser Stelle ist es erwähnenswert, dass es vier Stuten gibt – was kein Zufall ist. Die Zahl Vier symbolisiert seit Langem die Struktur der irdischen Welt: die vier Elemente, die vier Himmelsrichtungen, die vier Jahreszeiten. Das Bild deutet daher auf ein Verderbnis hin, das sich über das gesamte Feld des menschlichen Lebens ausbreitet. Diese zerstörerischen Gelüste sind also nicht lokal begrenzt, sondern breiten sich in alle Richtungen aus.

Begierden ohne Gewissen

Pferde symbolisieren normalerweise Lebenskraft, Bewegung und die Energien, die die Zivilisation vorantreiben. Doch wenn diese Energien bewusst fehlgeleitet werden, verwandeln sie sich in gefährliche Kräfte, die das Leben verschlingen, anstatt es zu erhalten.
Symbolisch steht diese Aufgabe im Einklang mit dem Skorpion, dem achten Zeichen des Tierkreises, das mit Intensität, Tabus und Transformation assoziiert wird. Außerdem ist 8 doppelt so viel wie die Vier und damit doppelt so intensiv, was sein Potenzial zur Verderbnis angeht.
Der Skorpion lotet die Schattenseiten der menschlichen Erfahrung aus – Macht, Begierde, Besessenheit und die Kräfte, die unter der Oberfläche der Zivilisation schlummern. Wenn sie weise gelenkt werden, können diese Energien zu Erneuerungen führen. Doch wenn sie verdorben werden, werden sie zerstörerisch. Die Stuten des Diomedes verkörpern letzteres: ein von keinem Gewissen gezügelter Appetit.
Im Laufe der Aufgaben des Herakles offenbart sich eine weitere Dimension des Heldentums. Der Held begegnet nicht mehr nur dem Chaos oder beherrscht seine eigene Kraft – er wird mit ihren Folgen konfrontiert.
Herakles nimmt sich daher zunächst die Wachen des Diomedes vor, denn das Böse ist, wie so oft in der Geschichte, von treuen Vollstreckern umgeben. Erst überwältigt er sie, bevor der König an der Reihe ist.

Die 8. Aufgabe des Herakles steht im Zeichen des Skorpions.

Nach innen gerichtete Gerechtigkeit

Was folgt, ist einer der erschütterndsten Momente aller Aufgaben. Herakles wirft Diomedes seinen eigenen Pferden zum Fraß vor. Hier bietet die Geschichte eine brutale, aber unmissverständliche Form der Gerechtigkeit.
Das zerstörerische System bricht über seinem Ursprung zusammen. Der Appetit, der andere verschlang, wendet sich nach innen. Gewalt verzehrt die Autorität, die sie genährt hat. Das Verspeisen ihres eigenen Herrn – was sich für sie als widerwärtig erweist – heilt die Stuten von ihrer wilden Gewohnheit.
Im Deutschen gibt es passend dazu eine Redewendung: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ Shakespeare drückt dieselbe Wahrheit durch seine vielleicht bösartigste Figur, Macbeth, aus:
„Dies Recht, mit unabweislich fester Hand,
Setzt unsern selbstgemischten, giftgen Kelch
An unsre eignen Lippen.“ – Macbeth, 1. Akt, 7. Szene
Sind die Begierden unmoralisch, richten sie sich gegen ihren Herren

Bereits Macbeth in Shakespeares gleihnamiger Tragödie wusste, dass sich unmoralische Taten irgendwann gegen ihren Herren richten.

Die Geschichte bietet viele Beispiele für dasselbe Muster. Die Französische Revolution, die im Namen der Gerechtigkeit und Befreiung entstand, verschlang bald viele ihrer eigenen Akteure, als sich der Terror gegen sie selbst richtete. Der einmal entfesselte Appetit ließ sich nicht leicht zügeln, und die Revolution begann, jene zu verschlingen, die zu ihrer Entstehung beigetragen hatten. Es ist eine düstere Lektion, aber eine bleibende.

Diener des Lebens, nicht dessen Herren

Gesellschaften kultivieren manchmal Kräfte, die Stärke oder Vorteile versprechen, nur um festzustellen, dass diese irgendwann eine Eigendynamik entwickeln. Sind sie einmal auf Ausbeutung statt auf Verantwortung ausgerichtet, beginnen sie, sich von genau jenen Gemeinschaften zu ernähren, denen sie eigentlich dienen sollten.

Diomedes, König von Thrakien, wurde von Herkules getötet und von seinen eigenen Pferden gefressen, wie das Gemälde von Jean-Baptiste Marie Pierre (1714–1789) zeigt.

Die Stuten des Diomedes erinnern uns daran, dass ein Appetit ohne moralische Zurückhaltung niemals gestillt wird. Er wächst, breitet sich aus und verschlingt schließlich das, was ihn nährt. Dabei sollte die Moral als Leitprinzip für alle menschlichen Bestrebungen gelten. Wenn wir versuchen, ohne sie auszukommen – oder unsere eigenen Moralvorstellungen zu erfinden –, sind wir dazu verdammt, uns selbst zu verzehren.
Für Herakles vertieft diese Aufgabe das Verständnis des Helden von Macht. Stärke allein reicht nicht aus – Weisheit muss sie leiten. Energie allein reicht nicht aus – ein Ziel muss sie lenken. Und Begierden – ob persönlicher oder politischer Natur – müssen Diener des Lebens bleiben, nicht dessen Herren. Herakles setzt das Werk seines Vaters Zeus fort, indem er dafür sorgt, dass der Kosmos ein moralischer Ort ist. Nur dann kann Macht kreativ statt zerstörerisch werden.
In seiner neunten Aufgabe wird Herakles mit etwas Zerbrechlicherem und Schwererfassbarem konfrontiert: Vertrauen.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Herakles and the Mares of Diomedes: When Appetite Turns Against Itself“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)

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