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Deutsche Forschung in Sorge: Fraunhofer plant drastische Einschnitte


In Kürze:

  • Fraunhofer prüft im Rahmen des Programms „Transform FhG“ den Abbau von rund 1.200 Vollzeitstellen.
  • Ursache ist ein strukturelles Defizit von 2 Prozent infolge rückläufiger Forschungsaufträge.
  • Die Gesellschaft setzt auf natürliche Fluktuation, Umstrukturierungen und freiwillige Lösungen statt auf Massenkündigungen.
  • Die Abhängigkeit von Drittmitteln und öffentlichen Projekten macht Fraunhofer anfällig für Konjunktur- und Haushaltsentwicklungen.

 
Am Mittwoch, 10. Juni, hat in Leipzig die Jahrestagung der Fraunhofer-Gesellschaft begonnen. Zu den Hauptrednern wird BMW-Vorstandschef Oliver Zipse gehören, der auch stellvertretender Vorsitzender des Senats der Einrichtung ist. Drei Joseph-von-Fraunhofer-Preise sowie der Wissenschaftspreis des Stifterverbandes „Forschung im Verbund“ werden an Forscher verliehen.
Überschattet wird die Veranstaltung von Berichten über ein hartes Konsolidierungsprogramm, das sich die Gesellschaft selbst verordnet haben soll. Dieses könnte den Abbau von rund 1.200 Vollzeitstellen nach sich ziehen, wie die „tageszeitung“ (taz) unter Berufung auf Inhalte einer internen Videokonferenz berichtet.

Fraunhofer stark von externen Aufträgen abhängig

Insgesamt sind bis zu 32.000 Menschen bei der Organisation beschäftigt. Das jährliche Forschungsvolumen bewegt sich zwischen 3,2 und 3,7 Milliarden Euro. Der 1949 gegründeten Fraunhofer-Gesellschaft werden deutschlandweit mittlerweile 76 Forschungsinstitute und -einrichtungen zugerechnet. Der größte Teil der Tätigkeit entfällt auf die Vertragsforschung. Etwa zwei Drittel der Mittel stammen aus Aufträgen der Industrie sowie aus öffentlich finanzierten Forschungsprojekten. Ein Drittel wird als Grundfinanzierung von Bund und Ländern bereitgestellt.
Für 2025 ist von einem strukturellen Defizit der Einrichtung in Höhe von 2 Prozent die Rede. Als Gründe nennt Fraunhofer-Präsident Holger Hanselka einen Rückgang von Drittmittelaufträgen. Vor allem der Umfang der Forschungsaufträge von Bund und Ländern sei zuletzt gesunken, während die Industrieaufträge stabil geblieben seien.
Die gesamtwirtschaftliche Lage bleibe auch für die Fraunhofer-Gesellschaft nicht ohne Folgen. Eine schwache Konjunktur, steigende Personal- und Betriebskosten sowie die angespannte Lage öffentlicher Haushalte wirkten sich auf die Einrichtung aus. Dadurch gingen externe Aufträge zurück, auf die die Gesellschaft angewiesen ist.

Konsolidierungsprogramm mit vier zentralen Zielen

Hanselka geht davon aus, dass der Stellenabbau sozialverträglich umgesetzt werden kann. Eine großangelegte Kündigungswelle sei nicht geplant. Stattdessen spricht der Präsident von einer „natürlichen Fluktuation“ von etwa 8 Prozent, die die Umsetzung erleichtern solle. Zudem wolle man auf freiwillige Lösungen, organisatorische Umstrukturierungen und die Nicht-Nachbesetzung frei werdender Stellen setzen.
Bereits im laufenden Monat sollen die Gespräche mit den Instituten über konkrete Einsparungen beginnen. Bis Ende des Jahres werden Ergebnisse erwartet. Das interne Konsolidierungsprogramm „Transform FhG“ verfolgt im Wesentlichen vier zentrale Ziele.
Zum einen sollen mehr Aufträge und Projektmittel eingeworben werden, um die Erträge zu steigern. Zudem ist eine Optimierung interner Prozesse geplant, um Bürokratie abzubauen und die Effizienz zu erhöhen. Weitere Maßnahmen betreffen Kostensenkungen bei Infrastruktur und Betrieb sowie die Konsolidierung des Personalhaushalts durch Stellenabbau.

Unsicherheit über künftigen Forschungsetat des Bundes

Das Finanzierungsmodell von Fraunhofer bietet Vorteile durch die Nähe zur Industrie. Deren Aufträge sorgen für eine starke Praxisorientierung und einen hohen Innovationsdruck. Gleichzeitig führt die hohe Abhängigkeit von externen Aufträgen zu einer volatilen Einnahmensituation. Man bleibt stark von Konjunktur und staatlichen Budgets abhängig, deshalb schwanken auch die Einnahmen stärker als bei vielen anderen Forschungseinrichtungen.
Der Sparzwang im Bundeshaushalt macht unterdessen auch vor dem Bundesministerium für Forschung nicht halt. Zwar rühmt sich das Ministerium, 2026 über einen „Rekordhaushalt“ von 21,8 Milliarden Euro plus 1,1 Milliarden Euro aus Sondervermögen zu verfügen. Bereits im nächsten Jahr trifft die Sparvorgabe des Bundesfinanzministers jedoch auch dieses Ministerium – und lässt auch Verknappung des Spielraums für öffentliche Forschungsaufträge erwarten.
Das Sparprogramm bei Fraunhofer wirft Fragen zur weiteren Entwicklung der deutschen Forschungslandschaft auf. Mögliche Folgen einer restriktiven Haushaltspolitik sind weniger Forschungsprojekte, mehr Druck auf wissenschaftliches Personal sowie Verzögerungen bei Technologietransfer und Innovation.

Wechsel von Fraunhofer-Spitzenforscher zu Huawei als Warnsignal

Hinzu kommt ein verschärfter Wettbewerb um Spitzenforscher. Ein besonders prägnantes Beispiel ist der Wechsel des langjährigen früheren Leiters des Fraunhofer Heinrich-Hertz-Instituts (HHI), Martin Schell, zu Huawei. Dort übernahm er die Leitung der Forschung und Entwicklung für optische Chips am Standort Ipswich in Großbritannien.
Nicht nur das Bundesforschungsministerium, auch der Verfassungsschutz bewertete den Vorgang als kritisch. Gerade in sensiblen Bereichen wie optischer Kommunikation, Photonik, Halbleitertechnologie und Hochleistungsdatenübertragung könne Deutschland einen Abfluss von Know-how kaum verkraften.
In diesen Feldern verfolgt die chinesische Führung zudem das Ziel, direkten Zugang zu Forschungsergebnissen zu erhalten. Vor diesem Hintergrund dürften Berichte über mögliche Stellenstreichungen in der deutschen Spitzenforschung auch international aufmerksam verfolgt werden.

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