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Wirtschaft unter Druck: Welle an Insolvenzen erschüttert Deutschland und Europa


In Kürze:

  • Insolvenzen in Deutschland auf höchstem Stand seit 20 Jahren
  • April 2026: 1.776 Firmenpleiten (plus 82 Prozent gegenüber Vorkrisenniveau)
  • Industrie, Gastronomie und Immobiliensektor besonders unter Druck
  • Experten sehen strukturelle Krise – nicht nur Konjunkturschwäche

 
Zwei aktuelle Analysen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und der Wirtschaftsauskunftei Creditreform zeigen einen anhaltenden Druck auf die deutsche und europäische Wirtschaft. So hat das IWH seinen Insolvenztrend für Deutschland im April vorgelegt. Zugleich hat die Wirtschaftsauskunftei Creditreform ihre Zahlen zu Firmenpleiten in Europa für das Vorjahr präsentiert.
Beide Untersuchungen weisen deutlich steigende Insolvenzzahlen für Deutschland und vor allem Westeuropa aus. Die Wahrscheinlichkeit einer kurzfristigen Entspannung bewerten beide als gering. Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung in Neuss, macht deutlich, die Krise sei „nicht nur konjunkturell, sie ist strukturell“. Die Doppelbelastung durch den geopolitisch bedingt schwachen Welthandel, hohe Energiepreise und Bürokratie fresse sich „tief in die Substanz vieler Betriebe“.

Deutlicher Anstieg der Insolvenzen in der Hotelbranche und in Berlin

Deutschland erlebt derzeit eine Insolvenzwelle auf einem 20-Jahres-Hoch. Allein im April 2026 meldeten 1.776 Personen- und Kapitalgesellschaften Insolvenz an. Das entspricht einem Plus von 3 Prozent gegenüber März und 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 ergibt sich sogar ein Anstieg von 82 Prozent.
Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle erwartet, dass die Zahlen mindestens bis Juli auf diesem Niveau bleiben werden. Besonders betroffen sind die Hotel- und Gastronomiebranche sowie das Grundstücks- und Wohnungswesen. Auch Handel und Dienstleistungen stehen unter Druck. Regional stechen Bayern und Berlin hervor, wobei in Berlin insbesondere die Hotelbranche stark zur Entwicklung beiträgt.
Creditreform warnt zudem, dass inzwischen auch wirtschaftlich stabile Unternehmen in Schwierigkeiten geraten. Besonders das verarbeitende Gewerbe steht laut Analyse unter erheblichem Druck. Die Auskunftei spricht von einem „Alarmsignal für den Industriestandort Deutschland“ und verweist auf eine Mehrfachbelastung durch hohe Energiepreise, Bürokratie, einen schwachen Welthandel und geopolitische Unsicherheiten.

Große Industrieländer besonders stark betroffen

In der Schweiz stiegen die Insolvenzen besonders stark um 35,3 Prozent. Höhere Zuwächse als in Deutschland (plus 8,8 Prozent) verzeichneten in der EU nur Griechenland (plus 24,4 Prozent) und Finnland (plus 12,2 Prozent). Creditreform-Ökonom Patrik-Ludwig Hantzsch sieht dadurch ein Auseinanderdriften innerhalb Europas.
Vor allem große Volkswirtschaften spielten dabei eine zentrale Rolle. Länder wie Deutschland, Frankreich und Italien litten im Jahr 2025 unter einer ausgeprägten Konjunkturschwäche und lagen beim Wachstum unter dem europäischen Durchschnitt. Diese Entwicklung in den „Ankerländern“ treibe die Insolvenzzahlen in ganz Westeuropa in dei Höhe.
Gegenüber „BILD“ kritisierte Hantzsch zudem den Verlust von Know-how durch Unternehmenspleiten. Besonders im metallverarbeitenden Gewerbe gingen Betriebe verloren, deren Anlagen heute teilweise nicht mehr neu genehmigungsfähig wären, die aber wichtige Innovationspotenziale für die Industrie hätten.
Für den Arbeitsmarkt seien zudem die Großinsolvenzen besonders bedrückend. Von diesen waren allein im April rund 20.000 Arbeitsplätze betroffen. Das entspricht einem Plus von 43 Prozent gegenüber März, 39 Prozent gegenüber April 2025 und 112 Prozent gegenüber Ende der 2010er-Jahre.

Zahl der Insolvenzen europaweit im Steigen

In allen untersuchten europäischen Ländern wurde 2025 mit 197.610 Insolvenzen ein neuer 20-Jahres-Höchststand erreicht. Der Trend zeigt klar nach oben. Im Vergleich zu 2023 liegt die Zahl der Firmenpleiten um 20 Prozent höher, gegenüber 2024 um 11,9 Prozent und gegenüber 2025 um 4,8 Prozent. Allerdings deutet sich eine leichte Verlangsamung des Anstiegs an.
Patrik-Ludwig Hantzsch, Ökonom bei Creditreform, betont, dass Insolvenzen grundsätzlich Teil der Marktbereinigung seien. Das aktuelle Niveau gehe jedoch deutlich darüber hinaus und könne den Industriestandort Europa langfristig schwächen.

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