Sicher, die aus der Vergessenheit geholte Rossini-Oper bei den diesjährigen Salzburger Pfingstfestspielen könnte auch als Parodie auf unsere heutige vergnügungssüchtige Gesellschaft gelesen werden – so wie es Rossini zu seiner Zeit der Entstehung wohl gedacht hatte.
Il viaggio a Reims – die Reise nach Reims – ist der Titel: Entstanden 1825 als Auftragsarbeit eines Pariser Theaters anlässlich der Krönung Karl X., verschwand diese Oper zunächst von der Bildfläche und tauchte erst in den 1970er-Jahren wieder rekonstruiert auf.
Lustvolles Baden in Klischees
Das Drama dieser Opera buffa besteht darin, dass es eben nicht mehr – wie im Titel verheißen – zur Reise kommen kann. Mangels Pferden steckt die illustre internationale Gesellschaft in einem Luxushotel eines Kurortes in den Vogesen, sprich in der Provinz, fest.
Eine an sich explosive, von außen betrachtet amüsante Situation. Doch dieser Effekt mag sich nicht so recht einstellen. Liegt es daran, dass die Gags zu vorhersehbar oder eben einfach nur Gags sind? Oder ist es schlicht die ständige Bewegung, die ein Gast in der Pause als „Gezappel“ beschreibt?
In jedem Fall kann sich das Lachen erst bei manchen bewusst inszenierten nationalen Klischees einstellen, sei es beim hünenhaften Deutschen (Misha Kiria als Barone di Trombonok) oder der überdrehten, quirligen Französin (Mélissa Petit als Contessa di Folleville). Angenehm, dass keine Nation dabei vorgeführt oder bloßgestellt wird.
Mit dem gefeierten Opernregisseur Barrie Kosky und Les musiciens du Prince – Monaco unter Gianluca Capuano hat Cecilia Bartoli wieder ihr Dream-Team aus dem letzten Jahr zusammengerufen. Doch vielleicht liegt es eben an dem Stück selbst, dass es nicht das sein wird, welches unter Freunden weiterempfohlen werden kann. Obwohl durchaus Lacher zu hören waren.
Karikierender Farbenrausch
Die Bühnenbilder von Rufus Didwiszus machen Spaß, durch einfache, klare Aufteilungen und Konzentration auf aussagekräftige Spielelemente: eine große Drehtüre, eine Korridorflucht mit Türen rechts und links, die wunderbar auf und zu knallen können, ein überdimensionaler Tisch, der das finale Festmahl ad absurdum führt.
Und natürlich die Musik, die Stimmen, ein Ohrenschmaus auf höchstem Niveau – doch mag sich nicht die rechte Verzückung einstellen. Wenngleich der Farbenrausch und die Freude an übertriebenen Formen bei den Kostümen einen kindlich staunen lassen. Victoria Behr zeichnet dafür verantwortlich.
Das Orchester spielt auf historischen Instrumenten und besticht mit allerlei Glocken, Zimbeln und Trommeln, auch ein Schellenbaum fehlt nicht. Es ist schon viel Feines dabei. Bei den Blasinstrumenten sind pro Spieler gleich mehrere im Einsatz, kann doch ein Instrument nicht verschiedene Tonarten abdecken, wie ein Musiker erklärt.
Reisen und Feiern auf „Teufel komm raus“
Nun denn, mit dem Humor ist das so eine Sache, und in erster Linie geht es bei den diesjährigen Pfingstfestspielen um die künstlerische Leiterin selbst. So möchte die Festgesellschaft auf der Bühne nicht wie bei Rossini, der in einem ähnlichen Kunstgriff Bühne und Realität verschmelzen ließ, zur Königskrönung weiterreisen, sondern zur Geburtstagsfeier der berühmten Mezzosopranistin La Ceci.
Seit 2012 hat Cecilia Bartoli hier den Hut auf. Diesen Sommer feiert sie ihren 60. Geburtstag, anlässlich dessen es am 8.8. eine Galavorstellung von Il viaggio a Reims mit Überraschungsgästen und anschließendem Galadinner geben wird.
Wenn Cecilia Bartoli am Ende dann gar aus der Torte springt, kann das wohl durchaus als Probelauf zu den realen Geburtstagsfeierlichkeiten gewertet werden. Ein dicker Strauß Pfingstrosen fliegt so dann vom Publikum auf die Bühne in Cecilia Bartolis Arme. Die Welt wäre ärmer ohne solch überschwänglichen Gefühlsausdruck.
Wenn dann als Zugabe lauthals ein Vivat Musica angestimmt wird, kann sich dieser ausgelassenen Stimmung wohl kaum einer entziehen, zumindest nicht in den vorderen Reihen.
… dass alle Menschen den ganzen Tag singen …
Unwillkürlich drängen sich Bilder auf zu dem Zitat von Cecilia Bartoli: „Musik bestimmt mein Leben, seit ich als Kind […] mit der ganzen Familie lauthals Italo-Schlager schmetterte. Überhaupt war ich als Kind überzeugt, dass alle Menschen den ganzen Tag singen, genau wie meine Eltern und all ihre Freunde.“ Von dieser überbordenden italienischen Lebensfreude könnte man sich doch eine Scheibe abschneiden, oder gar zwei?
Dass es eben nicht nur um die Reise nach Reims geht – welchen König würden wir auch krönen wollen, die Königin ist ja zu uns gekommen –, sondern auch um eine Zeitreise, präsentierte Bartoli mit ihrem Pfingstprogramm, und ihrer großen Ciao-bella-Ciao-Show.
Dass das Reisen aktueller denn je ist, erlebt man auf jedem größeren Bahnhof und fragt sich insgeheim, wohin die Menschen alle wollen. Dass jedoch dieser dreistündige (!) Einakter von Rossini, dem die Salzburger gnädigerweise eine Pause einbauten, in Vergessenheit geriet, mag nicht von ungefähr geschehen sein. Zu seicht, albern und überdreht kommt das Stück daher. Zumindest in dieser Fassung.

Die Lösung: Es wird vor Ort gefeiert!
Foto: SF/ Monika Rittershaus

Schlussapplaus bei Il viaggio a Reims, Salzburger Pfingstfestspiele 2026.
Foto: Epoch Times/Silke Ohlert






