{"id":62942,"date":"2026-10-30T07:21:57","date_gmt":"2026-10-30T06:21:57","guid":{"rendered":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/?p=62942"},"modified":"2026-10-30T07:21:57","modified_gmt":"2026-10-30T06:21:57","slug":"nicht-die-sunde-sondern-die-fehlende-reue","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/2026\/10\/30\/nicht-die-sunde-sondern-die-fehlende-reue\/","title":{"rendered":"Nicht die S\u00fcnde, sondern die fehlende Reue"},"content":{"rendered":"<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Oscar Wildes Klassiker<a href=\"https:\/\/www.gutenberg.org\/files\/44238\/44238-h\/44238-h.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> \u201eDas Bildnis des Dorian Gray<\/a>\u201c aus dem Jahr 1891 wurde bereits mehrfach verfilmt. Mein dringender Ratschlag: Sehen Sie sich keine dieser Verfilmungen an. Die Geschichte ist brillant und entfaltet eine bemerkenswerte emotionale Wirkung. Dabei geht es nicht nur um die Haupthandlung, sondern auch um Exkursionen in die Geschichte von Edelsteinen, Religion, Stoffen, Stickereien und vielem mehr. All das sind Elemente der symbolischen Architektur des Romans.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Kein Film kann auch nur ann\u00e4hernd das eigentliche Geschehen einfangen, das sich vollst\u00e4ndig im Inneren, auf seelischer und geistiger Ebene, abspielt. In dem Roman geht es nicht um ein Gem\u00e4lde, das immer groteskere Z\u00fcge annimmt, sondern um eine Seele, die zunehmend verdirbt. Um das zu verstehen, braucht man Vorstellungskraft.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Kein Filmemacher hat bislang der Versuchung widerstanden, das Gem\u00e4lde zum Mittelpunkt des Geschehens zu machen. Dabei ist es das gar nicht. Es ist nicht einmal klar, ob das Bild \u00fcberhaupt mehr als eine Metapher darstellt. Wie bei vielen Romanen des viktorianischen Zeitalters liegt die eigentliche Geschichte auf einer allegorischen Ebene, und der Leser bleibt im Ungewissen dar\u00fcber, was Wirklichkeit und was Einbildung ist. Genau so muss es sein. Deshalb l\u00e4sst sich diese Geschichte nur in Buchform wirklich erleben und verstehen.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Der Roman von Wilde \u2013 der in wahrhaft viktorianischer Tradition als tief greifende moralische Lehre daherkommt \u2013 wirft zahlreiche Fragen auf: Wie beeinflusst die S\u00fcnde unsere Beziehung zu Gott und zu unserem wahren, von Gott geschaffenen Selbst? Was macht das B\u00f6se so verf\u00fchrerisch, und wie wirkt es in unserem Leben? Letztlich handelt die Geschichte sowohl von der Unausweichlichkeit moralischer Konsequenzen als auch von jenem Thema, dem wir lieber aus dem Weg gehen: unserer eigenen Verdammnis, die wir selbst herbeif\u00fchren.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Die Geschichte beginnt im Atelier des Malers Basil Hallward, der gerade etwas vollendet hat, das er als sein Meisterwerk sieht: ein Portr\u00e4t des jungen Dorian. Das Gem\u00e4lde ist gro\u00dfartig, sowohl weil Basil selbst sehr inspiriert war, als auch weil Dorian wundersch\u00f6n ist \u2013 die Verk\u00f6rperung jugendlicher Vollkommenheit schlechthin. Basil will es nicht ausstellen und sagt: \u201eDa steckt zu viel von mir selbst drin.\u201c Darin zeigt sich bereits die erste Andeutung jener durchgehenden Metaphorik, in der Basil die Rolle des Sch\u00f6pfers \u00fcbernimmt \u2013 im h\u00f6chsten Sinne, den dieses Wort haben kann.<\/div>\n<div class=\"heading-4\"><div class=\"related-container heading-4\"><div class=\"offset-md-1-8 none-padding related-articles\">\n<div class=\"label\"><h6 class=\"heading-6\">Mehr dazu<\/h6><\/div>\n<ul class=\"mu-related\">\n<li class=\"related-article mb-2 flex items-center justify-between\">\n<div class=\"title\"><a target=\"_blank\" rel=\"noopener\" href=\"https:\/\/www.epochtimes.de\/meinung\/pruefungen-und-triumphe-der-pflicht-a5627121.html\"><h4 class=\"heading-4\">Pr\u00fcfungen und Triumphe der Pflicht<\/h4><\/a><\/div>\n<div class=\"mr-2.5 self-start\"><div><div class=\"no-print ml-[15px] cursor-pointer text-black\/[.75]\"><div class=\"add-to-list\"><\/div><\/div><\/div><\/div>\n<div class=\"card-img\"><a target=\"_blank\" rel=\"noopener\" href=\"https:\/\/www.epochtimes.de\/meinung\/pruefungen-und-triumphe-der-pflicht-a5627121.html\"><div class=\"relative h-fit\">\n<figure><img alt=\"Pr\u00fcfungen und Triumphe der Pflicht\" loading=\"lazy\" width=\"90\" height=\"60\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent\" src=\"https:\/\/\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/10\/id5996817-Fuga_di_Enea_da_Troia_-_Barocci-1200x865-1-420x280.3479cc1bd191c6a0421396f74bad29b0.webp\" class=\"wp-image-62964\" srcset=\"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/10\/id5996817-Fuga_di_Enea_da_Troia_-_Barocci-1200x865-1-420x280.3479cc1bd191c6a0421396f74bad29b0.webp 420w, https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/10\/id5996817-Fuga_di_Enea_da_Troia_-_Barocci-1200x865-1-420x280.3479cc1bd191c6a0421396f74bad29b0-300x200.webp 300w\" sizes=\"(max-width: 90px) 100vw, 90px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/a><\/div>\n<\/li>\n<li class=\"related-article mb-2 flex items-center justify-between\">\n<div class=\"title\"><a target=\"_blank\" rel=\"noopener\" href=\"https:\/\/www.epochtimes.de\/meinung\/klassische-weisheit-wenn-wahrheit-zur-geschichte-wird-a5607699.html\"><h4 class=\"heading-4\">Klassische Weisheit: Wenn Wahrheit zur Geschichte wird<\/h4><\/a><\/div>\n<div class=\"mr-2.5 self-start\"><div><div class=\"no-print ml-[15px] cursor-pointer text-black\/[.75]\"><div class=\"add-to-list\"><\/div><\/div><\/div><\/div>\n<div class=\"card-img\"><a target=\"_blank\" rel=\"noopener\" href=\"https:\/\/www.epochtimes.de\/meinung\/klassische-weisheit-wenn-wahrheit-zur-geschichte-wird-a5607699.html\"><div class=\"\"><figure><img alt=\"Klassische Weisheit: Wenn Wahrheit zur Geschichte wird\" loading=\"lazy\" width=\"90\" height=\"60\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent\" src=\"https:\/\/\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/10\/The_Fall_of_Icarus_17th_century_Musee_Antoine_Vivenel-420x280.4ba6dbbf825c686111b9407438b5cbd6.webp\" class=\"wp-image-62965\" srcset=\"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/10\/The_Fall_of_Icarus_17th_century_Musee_Antoine_Vivenel-420x280.4ba6dbbf825c686111b9407438b5cbd6.webp 420w, https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/10\/The_Fall_of_Icarus_17th_century_Musee_Antoine_Vivenel-420x280.4ba6dbbf825c686111b9407438b5cbd6-300x200.webp 300w\" sizes=\"(max-width: 90px) 100vw, 90px\" \/><\/figure><\/div><\/a><\/div>\n<\/li>\n<li class=\"related-article mb-2 flex items-center justify-between\">\n<div class=\"title\"><a target=\"_blank\" rel=\"noopener\" href=\"https:\/\/www.epochtimes.de\/meinung\/talking-classics-eine-faszinierende-reise-zu-den-wurzeln-unserer-kultur-a5625936.html\"><h4 class=\"heading-4\">\u201eTalking Classics\u201c: Eine faszinierende Reise zu den Wurzeln unserer Kultur<\/h4><\/a><\/div>\n<div class=\"mr-2.5 self-start\"><div><div class=\"no-print ml-[15px] cursor-pointer text-black\/[.75]\"><div class=\"add-to-list\"><\/div><\/div><\/div><\/div>\n<div class=\"card-img\"><a target=\"_blank\" rel=\"noopener\" href=\"https:\/\/www.epochtimes.de\/meinung\/talking-classics-eine-faszinierende-reise-zu-den-wurzeln-unserer-kultur-a5625936.html\"><div class=\"\"><figure><img alt=\"\u201eTalking Classics\u201c: Eine faszinierende Reise zu den Wurzeln unserer Kultur\" loading=\"lazy\" width=\"90\" height=\"60\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent\" src=\"https:\/\/\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/10\/Joseph_Mallord_William_Turner_-_Forum_Romanum_for_Mr_Soanes_Museum_-_Google_Art_Project-420x280.ce3e855314f304c1cb2f6ea1542bcffc.webp\" class=\"wp-image-0\"><\/figure><\/div><\/a><\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<\/div><\/div><\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Ebenfalls anwesend ist Lord Henry Wotton, ein Mann von blendendem Verstand, der den Hedonismus auf verf\u00fchrerische Weise als Lebenskunst zu verkaufen wei\u00df. Seine Worte besitzen eine solche \u00dcberzeugungskraft, dass man sofort versteht, warum Dorian, als er schlie\u00dflich den Raum betritt, seinem Bann erliegt. Lord Henry formuliert so geschmeidig, dass man kaum erkennen kann, was an seinen Aussagen falsch ist. Er schmeichelt dem Leser.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Mit Witz und Weltgewandtheit widersetzt sich Lord Henry dem b\u00fcrgerlichen Moralempfinden. Er bringt jene Gedanken auf den Punkt, mit denen wir bisher nur fl\u00fcchtig gespielt haben, und ermutigt uns, noch einen Schritt weiterzugehen. Er ist der Verf\u00fchrer.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">\u201eDer einzige Weg, eine Versuchung zu bestehen, ist, sich ihr hinzugeben\u201c, sagt er. \u201eWiderstehen Sie ihr, und Ihre Seele erkrankt vor Sehnsucht nach der Erf\u00fcllung, die sie sich selber verweigert hat, erkrankt vor dem Verlangen nach dem, was ihre ungeheuerlichen Gesetze ungeheuerlich und ungesetzm\u00e4\u00dfig gemacht haben.\u201c<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Lord Henry f\u00fchrt Dorian vor Augen, welch ein Geschenk seine Jugend ist \u2013 und welch ein Schrecken das Altern bedeutet:<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">\u201eJugend ist das einzige, dessen Besitz einen Wert hat.\u201c Sch\u00f6nheit, so erkl\u00e4rt er, sei \u201ealler Wunder Wunder\u201c. Nur oberfl\u00e4chliche Menschen w\u00fcrden nicht nach dem \u00c4u\u00dferen urteilen; das wahre Geheimnis der Welt sei das Sichtbare, nicht das Unsichtbare. \u201eJa, Herr Gray, die G\u00f6tter haben es gut mit Ihnen gemeint. Aber was die G\u00f6tter schenken, rauben sie bald wieder. Sie haben nur ein paar Jahre, wo Sie wahrhaftig vollkommen, restlos leben k\u00f6nnen. Indem Ihre Jugend verrauscht ist, nimmt sie die Sch\u00f6nheit mit\u201c, und pl\u00f6tzlich werde Dorian feststellen, dass keine Triumphe mehr auf ihn warteten. Er m\u00fcsse sich dann mit jenen armseligen Erfolgen begn\u00fcgen, die durch die Erinnerung an die Vergangenheit bitterer w\u00fcrden als Niederlagen. \u201eJeder Monat, der dahingeht, bringt Sie n\u00e4her einem schrecklichen Ziele. Die Zeit ist eifers\u00fcchtig auf Sie und k\u00e4mpft gegen Ihre Lilien und Rosen. Sie werden fahl und hohlwangig, und Ihre Augen werden sich tr\u00fcben. Sie werden uns\u00e4glich leiden.\u201c<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Als Reaktion auf Lord Henrys Rede fasst Dorian einen Entschluss, der sein Verh\u00e4ngnis besiegeln wird: \u201eIch werde alt werden und h\u00e4\u00dflich und widerlich. Aber dies Bild wird immer jung bleiben. Es wird nie \u00fcber den heutigen Junitag hinaus altern \u2026 Wenn es nur umgekehrt sein k\u00f6nnte! Wenn ich ewig jung bliebe und daf\u00fcr das Bild altern k\u00f6nnte! Daf\u00fcr \u2014 daf\u00fcr \u2014 g\u00e4be ich alles! Ja, nichts in aller Welt w\u00e4re mir daf\u00fcr zuviel! Ich g\u00e4be meine Seele daf\u00fcr!\u201c<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Und genau so kommt es. Dorian nimmt das Gem\u00e4lde an sich und schlie\u00dft es weg, sobald es beginnt, sich zu ver\u00e4ndern. Dabei spiegelt es nicht so sehr sein k\u00f6rperliches Altern wider als vielmehr seine S\u00fcnden. Das ist entscheidend: Die Geschichte besch\u00e4ftigt sich weniger mit der Sterblichkeit des K\u00f6rpers und der Unvermeidlichkeit des Alterns als mit der Unsterblichkeit der Seele.<\/div>\n<div class=\"paragraph mb-5 pt-2.5 text-center xl:mb-[15px]\">\n<div class=\"mb-3 text-start\"><a href=\"https:\/\/images-de.epochtimes.de\/uploads\/2026\/10\/Lippincott_doriangray.jpeg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/div>\n<div class=\"inline-block text-start\"><div class=\"group relative cursor-pointer\">\n<div class=\"\"><figure><img alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"700\" height=\"1057\" data-nimg=\"1\" class=\"size-image_700_x wp-image-5643666 mb-[5px] transition-opacity duration-150\" style=\"color:transparent\" src=\"https:\/\/\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/10\/Lippincott_doriangray-700x1057.a1e530071ed21a43aed3666e49c3b11d.webp\"><figcaption class=\"cursor-auto\"><p class=\"text-p-5\">Lippincott\u2019s Monthly Magazine mit der Erstfassung des Romans \u201eDas Bildnis des Dorian Gray\u201c, 1890.<\/p>\n<div class=\"mt-[5px]\"><p class=\"text-caption min-w-36 italic\">Foto: gemeinfrei<\/p><\/div><\/figcaption><\/figure><\/div>\n<div class=\"absolute right-1 top-1 m-2 rounded bg-black p-1 text-white opacity-50 transition-opacity duration-150 group-hover:opacity-80\"><\/div>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Dabei hat Dorian keineswegs einfach einen faustischen Pakt geschlossen. So einfach ist der Roman nicht. Das Bild ver\u00e4ndert sich nach Dorians erster schwerwiegender S\u00fcnde: Er verf\u00fchrt eine Schauspielerin, deren Herz er grausam und ohne Z\u00f6gern bricht, doch \u2013 und das ist entscheidend \u2013 er empfindet keine Reue f\u00fcr das, was er ihr angetan hat. An diesem Punkt ver\u00e4ndert sich das Bild: \u201eein Hauch von Grausamkeit um seinen Mund\u201c. Es ist weniger die S\u00fcnde als das Fehlen von Reue, das sein Verderben besiegelt.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Dorian selbst ver\u00e4ndert sich \u00e4u\u00dferlich nicht; nur das Gem\u00e4lde ver\u00e4ndert sich. Und darin erkennt er, was ihm bevorsteht.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">\u201eEs barg das Geheimnis seines Lebens in sich und erz\u00e4hlte seine Geschichte. Es hatte ihn die Liebe zur eigenen Sch\u00f6nheit gelehrt. Sollte es ihn lehren, seine eigene Seele zu verabscheuen? K\u00f6nnte er es je wieder anblicken?\u201c<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">F\u00fcr einen kurzen Moment besinnt er sich und beschlie\u00dft, diesen Weg nicht weiterzugehen. Er will die S\u00fcnde zur\u00fcckweisen und sein Leben \u00e4ndern. Doch bereits am n\u00e4chsten Tag, noch bevor er seine guten Vors\u00e4tze in die Tat umgesetzt hat, erh\u00e4lt er die niederschmetternde Nachricht: Das junge M\u00e4dchen hat sich das Leben genommen. Erneut steht Dorian vor der Wahl, Bu\u00dfe zu tun oder sich dem B\u00f6sen hinzugeben. Unter dem Einfluss Lord Henrys, der keineswegs offensichtlich d\u00e4monisch wirkt, sondern sich lediglich auf sehr geschickte Weise bem\u00fcht, ihn zu tr\u00f6sten, entscheidet er sich gegen die Reue.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">\u201eEin sonderbares Verh\u00e4ngnis schwebe \u00fcber guten Vors\u00e4tzen \u2013 da\u00df man sie n\u00e4mlich immer zu sp\u00e4t fasse.\u201c<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Im Laufe der Zeit altert Dorian nicht; er beh\u00e4lt sein Gesicht und seine Figur, Jahrzehnt f\u00fcr Jahrzehnt. Seine S\u00fcnden nehmen unterdessen kein Ende und werden immer schwerwiegender. Er verf\u00e4llt einer Obsession nach der anderen, stets im Zusammenhang mit den Sinnen: Edelsteine, Parf\u00fcm, Opium. Seine Ausschweifungen hinterlassen zahlreiche Opfer. Das gr\u00f6\u00dfte davon ist er selbst. Vieles davon wird gl\u00fccklicherweise der Vorstellungskraft des Lesers \u00fcberlassen. Das Gem\u00e4lde, das verk\u00f6rpert, was sich in jener r\u00e4tselhaften Region befindet, die wir Seele nennen, nimmt eine immer abscheulichere Gestalt an.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Eines Tages, nach langer Abwesenheit, stattet Basil ihm einen Besuch ab. Schlie\u00dflich gibt Dorian der Versuchung nach, ihm das Gem\u00e4lde zu zeigen. Basil ist entsetzt \u00fcber das, was er sieht, \u00fcber den Zustand, in den sein eigenes Werk geraten ist.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Er fleht Dorian an, zu beten:<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">\u201eF\u00fchre uns nicht in Versuchung! Vergib uns unsere S\u00fcnden! Nimm unsere Missetat von uns!\u201c<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Er erinnert Dorian daran:<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">\u201eEs ist nie zu sp\u00e4t, Dorian. Wir wollen niederknien und versuchen, ob wir uns nicht an ein Gebet erinnern k\u00f6nnen. Steht nicht irgendwo ein Vers: \u201aUnd w\u00e4ren deine S\u00fcnden wie Scharlach, ich will sie wei\u00df machen wie Schnee?\u2018\u201c<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Doch Dorian bleibt gleichg\u00fcltig. Pl\u00f6tzlich wird er von Hass auf Basil \u00fcberw\u00e4ltigt. Er greift nach einem Messer und st\u00f6\u00dft es ihm tief in die Schlagader hinter dem Ohr. Was hat er getan? Er hat den Sch\u00f6pfer get\u00f6tet, der ihn aufgesucht und zur Reue aufgerufen hat. Mit diesem Mord wird Dorians Verderbnis vollends entfesselt.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Und was ist mit Lord Henry, dem eigentlichen Drahtzieher dieses B\u00f6sen? Er verschwindet weitgehend aus dem Bild und bleibt, wenn er wieder auftaucht, vollkommen unber\u00fchrt von den Geschehnissen. Er zieht von einer Gesellschaft zur n\u00e4chsten, verbreitet seine Weisheiten und fasziniert die G\u00e4ste mit seinem brillanten Geist. Mit leicht anst\u00f6\u00dfigen Bemerkungen bezaubert er alle, ohne jemals an seiner eigenen Philosophie zugrunde zu gehen. Dorian hingegen lebt nach diesen Grunds\u00e4tzen \u2013 und bezahlt den Preis daf\u00fcr.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Bisher habe ich lediglich den zentralen Auftakt des Buches behandelt. Der Rest ist ebenso fesselnd, wenn nicht sogar noch fesselnder, zugleich aber zunehmend schmerzhaft: Er gleicht dem Tagebuch eines Abstiegs in die Tiefen der H\u00f6lle. Das Ende ist selbstverst\u00e4ndlich zutiefst verst\u00f6rend. Dorian tut endlich das, was man sich die ganze Zeit von ihm gew\u00fcnscht hat: Er zerst\u00f6rt das Gem\u00e4lde. Doch zu diesem Zeitpunkt ist er selbst bereits geistig und seelisch tot \u2013 eine Tatsache, die sich nun erstmals auch im k\u00f6rperlichen Erscheinungsbild seiner Leiche widerspiegelt.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Es ist keine angenehme Geschichte. Oder vielmehr: Sie ist auf eine ganz bestimmte Weise viel zu angenehm. Denn der Leser ertappt sich dabei, Dorian gleichzeitig zu verabscheuen und doch nicht zu wollen, dass seine S\u00fcnden ans Licht kommen. Lord Henry hingegen beh\u00e4lt seine bet\u00f6rende Anziehungskraft noch lange, nachdem man das Buch zu Ende gelesen hat.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Mit anderen Worten: Es ist eine Geschichte \u00fcber Gut und B\u00f6se. Doch das Gute erscheint nie lohnend genug und das B\u00f6se nie absto\u00dfend genug, als dass man sich eindeutig f\u00fcr eine Seite entscheiden k\u00f6nnte. In dieser Hinsicht ist das Buch trotz seiner fantastischen Grundidee ein treffendes Abbild des Lebens selbst. Der Autor erreicht sein Ziel.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Wildes Roman offenbart ein \u00e4u\u00dferst differenziertes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Drama von S\u00fcnde und Erl\u00f6sung. Sein dekadenter Stil ist weithin bekannt; weniger bekannt ist jedoch seine lebenslange Faszination f\u00fcr die christliche Glaubenslehre und sein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, wie sie sich im katholischen Glauben ausdr\u00fcckt. Diesem Glauben, so berichtet die \u00dcberlieferung, wurde er bereits als Kind heimlich anvertraut. Man gewinnt den Eindruck, dass Wilde die Wahrheit dieses Glaubens erkannte und ihn gerade deshalb umso mehr f\u00fcrchtete. Ihm wurde das Geschenk des Glaubens zuteil, doch es fehlte ihm der Mut, diesen Weg konsequent zu Ende zu gehen. In gewisser Weise war er in seinem eigenen Leben Basil: Er verk\u00fcndete die Lehre Lord Henrys, f\u00fcrchtete aber, am Ende dasselbe Schicksal wie Dorian zu erleiden. Das tat er jedoch nicht: Wildes letzte Worte waren das Reuegebet.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\"><em>Dieser Artikel erschien im Original auf <a href=\"https:\/\/www.theepochtimes.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">theepochtimes.com<\/a> unter dem Titel <a href=\"\/\/www.theepochtimes.com\/opinion\/a-halloween-classic-one-must-read-5936201%E2%80%9C\" target=\"_blank\" rel=\"&quot;noopener\u201c noopener\">\u201eA Halloween Classic One Must Read\u201c<\/a>. (redaktionelle Bearbeitung: ee)<\/em><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":62943,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7737,2113,7259,7198],"tags":[18378,18379,7570,17851,18380,18381,7252,8435,18382,18383],"news-destination":[],"news-source":[7],"ta_other":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62942"}],"collection":[{"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62942"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62942\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":62967,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62942\/revisions\/62967"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/62943"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62942"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62942"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62942"},{"taxonomy":"news-destination","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/news-destination?post=62942"},{"taxonomy":"news-source","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/news-source?post=62942"},{"taxonomy":"ta_other","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/ta_other?post=62942"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}