{"id":54067,"date":"2026-09-29T10:53:14","date_gmt":"2026-09-29T09:53:14","guid":{"rendered":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/?p=54067"},"modified":"2026-09-29T10:53:14","modified_gmt":"2026-09-29T09:53:14","slug":"fremdbetreut-ein-auszug-aus-dem-buch-die-wochenkinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/2026\/09\/29\/fremdbetreut-ein-auszug-aus-dem-buch-die-wochenkinder\/","title":{"rendered":"Fremdbetreut \u2013 ein Auszug aus dem Buch \u201eDie Wochenkinder\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\"><em>Ein Auszug aus dem Buch \u201eDie Wochenkinder: Fr\u00fche Trennung, sp\u00e4te Folgen\u201c von Alexander Teske:<\/em><\/div>\n<h2 class=\"heading-2 mb-3 pt-2  lg:pt-1 xl:pt-2.5\">Kuscheln verboten<\/h2>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Noch heute, nach 55 Jahren, kennt Ruth die Namen vieler Kinder, die sie damals betreut hat. Auch die Gesichter stehen ihr noch immer vor Augen.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Zum Beispiel das von Heiko. Er hat eine dunkle Hautfarbe. Ruth vermutet, dass er einen ausl\u00e4ndischen Vater hat. Heiko hat viele dunkle Haare, bewegt sich ungern, ist sehr kr\u00e4ftig und schwer. Seine Mutter kommt fast jeden Tag vorbei. Sie ist alleinerziehend, hat zwei weitere Kinder. Ruth glaubt, dass sie Heiko nicht freiwillig in die Wochenkrippe gibt.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Die Mutter schaut oft durch die Fenster im Garten in die Krippe, um ihren Sohn kurz sehen zu k\u00f6nnen. Wenn Heiko sie sieht, beginnt er vor Sehnsucht zu weinen. Daraufhin wird der Mutter verboten, zwischendurch zur Krippe zu kommen. Ihr wird gesagt: \u201eWir k\u00f6nnen uns besser um dein Kind k\u00fcmmern.\u201c In Wahrheit erh\u00e4lt Heiko wenig Aufmerksamkeit, hinkt in seiner Entwicklung deutlich hinterher. Die Erzieherinnen haben Lieblingskinder, um die sie sich gern und oft k\u00fcmmern. Heiko geh\u00f6rt nicht dazu. Er ist eines der stillen Kinder, die wenig Aufmerksamkeit erhalten. Dabei ist Heiko ein fr\u00f6hliches Kind. Ruth fragt sich, was aus Heiko und den anderen Kindern geworden ist. Manchmal tr\u00e4umt sie von damals.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Ruth wollte nach der zehnten Klasse etwas mit kleinen Kindern machen. Sie hat rosarote Vorstellungen, stellt sich die Arbeit sch\u00f6n vor. Nun ist sie unverhofft in der Wochenkrippe gelandet. Bei der dreij\u00e4hrigen Ausbildung an der Medizinischen Fachschule wird den Lehrlingen die Betriebsst\u00e4tte zugeteilt. Ruth findet die Atmosph\u00e4re bedr\u00fcckend. Die S\u00e4uglinge liegen vor allem in ihren Betten. Viele Kinder in einem Raum. Das j\u00fcngste ist 20 Wochen alt. Es war f\u00fcr sie vorher unvorstellbar, dass ein Kind in diesem Alter so lange in der Krippe bleibt. Die Kinder tun ihr leid.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Wenn sie sich heute das Foto eines Schlafsaals ansieht, denkt Ruth: \u201eWie furchtbar!\u201c Wie fr\u00fcher auf der Isolierstation im Krankenhaus. Auch hier d\u00fcrfen die Eltern nicht hinein. Im Vergleich zu heute f\u00e4llt Ruth die kalte N\u00fcchternheit der R\u00e4ume auf, das Sterile. \u201eDa war nichts Buntes, wie es heute in Kinderg\u00e4rten \u00fcblich ist. Selbst in den Tageskrippen gab es mehr Spielzeug\u201c, sagt sie. Ruth ist damals 16 Jahre alt. 1970 beginnt sie im Leipziger Stadtteil St\u00f6tteritz ihre praktische Ausbildung als Krippenerzieherin. Die Krippe ist der Karl-Marx-Universit\u00e4t angeschlossen, hier geben Studenten und Dozenten, aber auch Journalisten ihre Kinder ab. Sie m\u00fcssen am Eingang klingeln und warten. Dann kommt eine Erzieherin, nimmt ihnen das Kind an der Eingangst\u00fcr ab und schlie\u00dft die gro\u00dfe Glast\u00fcr wieder. Manche Kinder klammern sich vor der T\u00fcr an ihre Eltern, m\u00fcssen gewaltsam getrennt werden.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Die Erzieherin entkleidet das Kind, verstaut die privaten Sachen in einer Kiste und zieht ihm die Einheitssachen der Krippe an. Pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde wie einen Teddy, eine Puppe, eine Rassel oder einen Bei\u00dfring haben die Kinder nicht. Am Freitag wiederholt sich das Ritual \u2013 in umgekehrter Reihenfolge. Das Kind erh\u00e4lt seine privaten Sachen zur\u00fcck und wird an der T\u00fcr den Eltern oder Gro\u00dfeltern \u00fcbergeben. Manchmal werden Kinder auch nicht abgeholt. Dann nimmt eine Erzieherin sie mit nach Hause. Sind es mehrere Kinder, wird ein Notdienst in der Krippe eingerichtet.<\/div>\n<div class=\"heading-4\"><div class=\"related-container heading-4\"><div class=\"offset-md-1-8 none-padding related-articles\">\n<div class=\"label\"><h6 class=\"heading-6\">Mehr dazu<\/h6><\/div>\n<ul class=\"mu-related\"><li class=\"related-article mb-2 flex items-center justify-between\">\n<div class=\"title\"><a target=\"_blank\" rel=\"noopener\" href=\"https:\/\/www.epochtimes.de\/gesellschaft\/ddr-wochenkrippen-das-kollektiv-stand-ueber-dem-individuum-a5619018.html\"><h4 class=\"heading-4\">DDR-Wochenkrippen: \u201eDas Kollektiv stand \u00fcber dem Individuum\u201c<\/h4><\/a><\/div>\n<div class=\"mr-2.5 self-start\"><div><div class=\"no-print ml-[15px] cursor-pointer text-black\/[.75]\"><div class=\"add-to-list\"><\/div><\/div><\/div><\/div>\n<div class=\"card-img\"><a target=\"_blank\" rel=\"noopener\" href=\"https:\/\/www.epochtimes.de\/gesellschaft\/ddr-wochenkrippen-das-kollektiv-stand-ueber-dem-individuum-a5619018.html\"><div class=\"\"><figure><img alt=\"DDR-Wochenkrippen: \u201eDas Kollektiv stand \u00fcber dem Individuum\u201c\" loading=\"lazy\" width=\"90\" height=\"60\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent\" src=\"https:\/\/\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/09\/Teske-Titelbild_1-420x280.07c3871bb2b5c3ed38af8dbd96ff0a3f.webp\" class=\"wp-image-54072\" srcset=\"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/09\/Teske-Titelbild_1-420x280.07c3871bb2b5c3ed38af8dbd96ff0a3f.webp 420w, https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/09\/Teske-Titelbild_1-420x280.07c3871bb2b5c3ed38af8dbd96ff0a3f-300x200.webp 300w\" sizes=\"(max-width: 90px) 100vw, 90px\" \/><\/figure><\/div><\/a><\/div>\n<\/li><\/ul>\n<\/div><\/div><\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">In der Fachschule stehen f\u00fcr Ruth F\u00e4cher wie Deutsch, Staatsb\u00fcrgerkunde, Russisch, Psychologie, Gesundheitslehre, Hygiene und P\u00e4dagogik auf dem Lehrplan. Nach zehn Tagen Theorie arbeitet sie als Lehrling vier Tage in der Wochenkrippe. In den Ferien jeden Tag. Jedes Mal tauscht sie ihre zivile Kleidung gegen einen wei\u00dfen Kittel. Sie wird f\u00fcr das Erdgeschoss eingeteilt, wo die S\u00e4uglinge und die Krabbler betreut werden. Als Krabbler werden Babys bezeichnet, die bereits krabbeln k\u00f6nnen und mindestens neun Monate alt sind.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Sie erinnert sich, dass sich die \u00e4lteren Erzieherinnen oft untereinander unterhalten. Was sie abends gemacht haben oder was es gerade wieder nicht in den Gesch\u00e4ften zu kaufen gibt. Aber keine Pflegerin spricht ein Baby direkt an oder besch\u00e4ftigt sich intensiv mit ihm. Auch erhalten sie keine pers\u00f6nliche Zuneigung. Die Babys scheinen daran gew\u00f6hnt, nur selten weint eines. Meist liegen sie stumm in ihren Betten und starren vor sich hin.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Wenn Ruth ein Baby aus Mitleid hochnimmt und umarmt, sagen die Ausbilderinnen, sie solle das bleiben lassen. Sonst w\u00fcrden sich die Babys noch daran gew\u00f6hnen. Sie nehmen ihr den S\u00e4ugling aus den Armen und legen ihn zur\u00fcck ins Gitterbett oder in die Spielebox. Auch beim Spielen soll sie sich nicht zu lange oder zu aufmerksam mit einem Kind besch\u00e4ftigen. Ruth gehorcht.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Ruth erz\u00e4hlt das heute alles in einem schnellen Gedankenfluss. Das Erlebte m\u00f6chte endlich ins Freie. Ihre Hand unterst\u00fctzt sie dabei. Ohne Pause wirbelt sie durch die Luft, w\u00e4hrend die ehemalige Erzieherin ruhig im Sessel sitzt. Sie hat kurze braune Haare und eine dicke, gro\u00dfe Brille mit Ecken. Ihre Augen schauen mich immer direkt an. Auf ihrem beigen Oberteil sind wei\u00dfe und schwarze Blumen gedruckt. Ruth redet im s\u00e4chsischen Dialekt, diesem weichen, melodischen Singsang. Nur manchmal macht sie eine kurze Pause, weil sie schlucken muss.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Die Kinder, mit denen sie es damals mehrfach zu tun hat, bauen im Laufe der Zeit eine pers\u00f6nliche Bindung zu ihr auf. Bereits wenn sie Ruth sehen, strahlen und zappeln sie. Aber sobald das den anderen \u00e4lteren Erzieherinnen auff\u00e4llt, wird es unterbunden. Es werden ihr andere Kinder zur Besch\u00e4ftigung, zur Hilfe beim Essen und zum Windelwechseln zugewiesen.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Die Auszubildende beobachtet, wie ein Kind immer wieder versucht, aufzustehen und zu laufen. Wiederholt f\u00e4llt Annette hin. Schlie\u00dflich hilft Ruth ihr und \u00fcbt mit dem Kind das Laufen. Bis sie wieder ermahnt wird, dies zu unterlassen. Am Freitag wird Annette schlie\u00dflich von ihrer Mutter abgeholt und l\u00e4uft ihr entgegen. Erst heute realisiert Ruth, wie merkw\u00fcrdig es ist, die ersten Schritte des Kindes nicht mitzuerleben, wie es sich f\u00fcr eine Mutter anf\u00fchlt, wenn eine Erzieherin sagt: \u201eIn dieser Woche hat Annette Laufen gelernt.\u201c<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">In ihrer Erinnerung liegen die S\u00e4uglinge fast den ganzen Tag in ihren Gitterbetten. Nur ab und zu werden sie gewindelt, gewaschen, gef\u00fcttert oder kommen kurz in die Spielebox. Wenn sie nicht schlafen, d\u00f6sen sie vor sich hin. Die \u00e4lteren Kinder erhalten mehr Anregung, werden aber zu einem langen Mittagsschlaf hingelegt. Zum Einschlafen wird weder ein Lied vorgesungen noch ein Bilderbuch angesehen. Nur selten protestieren die Kinder oder weinen.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Weil sie zu oft querschie\u00dft, wird Ruth bald gema\u00dfregelt. Zur Strafe muss sie im kalten Keller Stoffwindeln ausb\u00fcrsten. Diese werden damals noch per Hand vorgereinigt, ehe sie eingeweicht und gekocht werden.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Der Grund f\u00fcr die Bestrafung: Ruth hat kritisiert, dass einige Erzieherinnen sich das p\u00fcrierte Obst aus der K\u00fcche in mitgebrachte Gl\u00e4ser abf\u00fcllen und mit nach Hause nehmen. Dabei ist das Obst f\u00fcr die Kinder gedacht. Es soll ihrem Brei beigemischt werden, damit sie Vitamine bekommen. Doch manche Obstsorten sind vor allem in den St\u00e4dten der DDR Mangelware und dementsprechend begehrt.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">In der Waschk\u00fcche tauscht sie sich mit einem \u00e4lteren Lehrling aus. Auch diese berichtet, mit einem Kind das Malen ge\u00fcbt zu haben. Auch sie wird deutlich ermahnt, dies nicht zu tun. \u201eDie hatten vermutlich Angst, dass man zu viel N\u00e4he aufbaut. Die Devise war: satt, trocken und sauber\u201c, sagt Ruth.<\/div>\n<div class=\"mb-5\"><h5><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Die-Wochenkinder-Fr%C3%BChe-Trennung-Folgen\/dp\/378443777X\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>\u201eDie Wochenkinder: Fr\u00fche Trennung, sp\u00e4te Folgen\u201c<\/strong><\/a><\/h5><\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Alexander Teske<br>Langen M\u00fcller Verlag<br>21. September 2026<br>Taschenbuch<br>272 Seiten<\/div>\n<div class=\"mb-5\">\n<iframe loading=\"lazy\" class=\"optanon-category-C0004 embed-responsive-item\" src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/9DnINz1ATVI?feature=oembed\" height=\"281\" width=\"100%\"><\/iframe><div class=\"gdpr-info-box js-data-gdpr-not-available-placeholder\"><div class=\"my-4 p-3\" style=\"background-color:#f0a8a8\">\n<p style=\"font-size:18px;line-height:29px\">An dieser Stelle wird ein Video von Youtube angezeigt. 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