{"id":50861,"date":"2026-09-20T19:29:24","date_gmt":"2026-09-20T18:29:24","guid":{"rendered":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/?p=50861"},"modified":"2026-09-20T19:29:24","modified_gmt":"2026-09-20T18:29:24","slug":"klassische-weisheit-wenn-wahrheit-zur-geschichte-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/2026\/09\/20\/klassische-weisheit-wenn-wahrheit-zur-geschichte-wird\/","title":{"rendered":"Klassische Weisheit: Wenn Wahrheit zur Geschichte wird"},"content":{"rendered":"<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Ein Aphorismus oder Sprichwort kann uns sagen, dass Hochmut ins Verderben f\u00fchrt. Ein Mythos l\u00e4sst uns dabei zusehen, wie ein hochm\u00fctiger Mensch sich selbst zugrunde richtet. Darin liegt der Unterschied zwischen Weisheit als Aussage und Weisheit in Form einer Geschichte.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Beide Formen sind uralt, und beide sind notwendig. Der Aphorismus verdichtet Wahrheit zu einpr\u00e4gsamen Worten. Die Erz\u00e4hlung hingegen leistet etwas anderes. Sie sagt uns nicht einfach, was wir denken sollen; sie l\u00e4dt uns ein, eine Welt zu betreten. Sie l\u00e4sst Weisheit durch Figuren, Entscheidungen, Folgen, Ironie, Wendungen, Leid und Erkenntnis lebendig werden. Ein Sprichwort fasst Weisheit in einem Satz. Eine Geschichte haucht der Weisheit Leben ein.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Mit dieser gr\u00f6\u00dferen Komplexit\u00e4t geht allerdings auch Mehrdeutigkeit einher: Geschichten lassen sich auf ganz unterschiedliche Weise lesen und deuten. Das ist bei Sprichw\u00f6rtern in der Regel nicht m\u00f6glich. Etwas fachsprachlicher ausgedr\u00fcckt sind Geschichten polysemisch: Sie enthalten mehrere Bedeutungsebenen, die sich verschiedenen Lesern unterschiedlich erschlie\u00dfen k\u00f6nnen \u2013 oder sogar derselben Person in unterschiedlichen Lebensphasen immer wieder neu.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Deshalb bestehen die gro\u00dfen Weisheitstraditionen der Welt nicht nur aus Aphorismen. Sie schenken uns Erz\u00e4hlungen: \u00d6dipus, Midas, Ikarus, Hiob, Jona, der verlorene Sohn, der barmherzige Samariter, Arjuna auf dem Schlachtfeld. Diese Geschichten dienen nicht blo\u00df der Unterhaltung. Sie sind moralische und spirituelle Werkzeuge. Sie ergreifen unsere Vorstellungskraft, noch bevor unser Verstand damit begonnen hat, sich dem zu widersetzen.<\/div>\n<div class=\"heading-4\"><div class=\"related-container heading-4\"><div class=\"offset-md-1-8 none-padding related-articles\">\n<div class=\"label\"><h6 class=\"heading-6\">Mehr dazu<\/h6><\/div>\n<ul class=\"mu-related\"><li class=\"related-article mb-2 flex items-center justify-between\">\n<div class=\"title\"><a target=\"_blank\" rel=\"noopener\" href=\"https:\/\/www.epochtimes.de\/meinung\/wenn-wahrheit-zum-sprichwort-wird-a5588949.html\"><h4 class=\"heading-4\">Wenn Wahrheit zum Sprichwort wird<\/h4><\/a><\/div>\n<div class=\"mr-2.5 self-start\"><div><div class=\"no-print ml-[15px] cursor-pointer text-black\/[.75]\"><div class=\"add-to-list\"><\/div><\/div><\/div><\/div>\n<div class=\"card-img\"><a target=\"_blank\" rel=\"noopener\" href=\"https:\/\/www.epochtimes.de\/meinung\/wenn-wahrheit-zum-sprichwort-wird-a5588949.html\"><div class=\"\"><figure><img alt=\"Wenn Wahrheit zum Sprichwort wird\" loading=\"lazy\" width=\"90\" height=\"60\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent\" src=\"https:\/\/\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/09\/iStock-1621520138-420x280.2660858142d79283acf32f78d41a52ba.webp\" class=\"wp-image-50869\" srcset=\"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/09\/iStock-1621520138-420x280.2660858142d79283acf32f78d41a52ba.webp 420w, https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/09\/iStock-1621520138-420x280.2660858142d79283acf32f78d41a52ba-300x200.webp 300w\" sizes=\"(max-width: 90px) 100vw, 90px\" \/><\/figure><\/div><\/a><\/div>\n<\/li><\/ul>\n<\/div><\/div><\/div>\n<h2 class=\"heading-2 mb-3 pt-2  lg:pt-1 xl:pt-2.5\">Arjuna und Duryodhana<\/h2>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Der Bhagavad Gita, dem heiligen Text des Hinduismus, geht eine Geschichte aus einem indischen Epos voraus. Sie erz\u00e4hlt von dem bevorstehenden gro\u00dfen Krieg zwischen den Pandavas und den Kauravas. Sowohl Arjuna als auch Duryodhana, die jeweils auf unterschiedlichen Seiten stehen, suchen die Unterst\u00fctzung des hinduistischen Gottes Krishna. Duryodhana kommt zuerst und wartet neben Krishnas Kopf, w\u00e4hrend dieser schl\u00e4ft. Arjuna kommt sp\u00e4ter und nimmt ehrerbietig an Krishnas F\u00fc\u00dfen Platz. Als Krishna erwacht, sieht er zuerst Arjuna, r\u00e4umt jedoch ein, dass Duryodhana vor ihm eingetroffen ist.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Krishna stellt ihnen eine Wahl frei. Die eine Seite kann seine gewaltige Armee erhalten. Die andere kann Krishna selbst an ihrer Seite haben \u2013 unbewaffnet und ohne in den Kampf einzugreifen, aber als Wagenlenker. Duryodhana entscheidet sich f\u00fcr die Armee. Arjuna w\u00e4hlt Krishna.<\/div>\n<div class=\"paragraph mb-5 pt-2.5 text-center xl:mb-[15px]\">\n<div class=\"mb-3 text-start\">\n<div class=\"mceTemp\"><\/div>\n<a href=\"https:\/\/images-de.epochtimes.de\/uploads\/2026\/09\/Arjuna_and_His_Charioteer_Krishna_Confront_Karna.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a>\n<\/div>\n<div class=\"inline-block text-start\"><div class=\"group relative cursor-pointer\">\n<div class=\"\"><figure><img alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"700\" height=\"361\" data-nimg=\"1\" class=\"size-image_700_x wp-image-5607703 mb-[5px] transition-opacity duration-150\" style=\"color:transparent\" src=\"https:\/\/\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/09\/Arjuna_and_His_Charioteer_Krishna_Confront_Karna-700x361.f8396b6ee00358680dacff3c9b4f15d7.webp\"><figcaption class=\"cursor-auto\"><p class=\"text-p-5\">Arjuna und sein Wagenlenker Krishna treffen auf Karna (Miniaturmalerei, Nordindien um 1820).<\/p>\n<div class=\"mt-[5px]\"><p class=\"text-caption min-w-36 italic\">Foto: gemeinfrei<\/p><\/div><\/figcaption><\/figure><\/div>\n<div class=\"absolute right-1 top-1 m-2 rounded bg-black p-1 text-white opacity-50 transition-opacity duration-150 group-hover:opacity-80\"><\/div>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Krishna und Arjuna auf dem Wagen, \u201eMahabharata\u201c, 18.\u201319. Jahrhundert, Indien. Smithsonian Freer Sackler Gallery. Gemeinfrei<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Das ist eines der gro\u00dfen Bilder der klassischen Weisheit. Duryodhana entscheidet sich f\u00fcr die Macht; Arjuna f\u00fcr die F\u00fchrung. Duryodhana entscheidet sich f\u00fcr den messbaren Vorteil; Arjuna f\u00fcr die g\u00f6ttliche Gegenwart. Duryodhana will, was Krishna besitzt; Arjuna will Krishna selbst. Gr\u00f6\u00dfer k\u00f6nnte der Unterschied kaum sein.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Auf den ersten Blick mag Arjunas Entscheidung unpraktisch erscheinen. Welcher Heerf\u00fchrer w\u00fcrde sich statt einer Armee f\u00fcr einen unbewaffneten Wagenlenker entscheiden? Doch genau darin liegt der Punkt: Klassische Weisheit erscheint dem berechnenden Verstand oft als Torheit. Der heilige Paulus bringt denselben paradoxen Gedanken in der christlichen Tradition zum Ausdruck: \u201e [\u2026] was t\u00f6richt ist vor der Welt, das hat Gott erw\u00e4hlt, damit er die Weisen zuschanden mache\u201c <a href=\"https:\/\/www.bibleserver.com\/LUT\/1.Korinther1%2C27\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(1 Korinther 1,27)<\/a>, denn \u201edie g\u00f6ttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind\u201c <a href=\"https:\/\/www.bibleserver.com\/de\/verse\/1.Korinther1%2C25\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(1 Korinther 1,25)<\/a>. Das Sichtbare ist nicht immer das Entscheidende. Die Zahl der Truppen, Waffen, Ressourcen, Anh\u00e4nger und strategischen Vorteile mag von Bedeutung sein. Doch sie sind nicht das, worauf es letztendlich ankommt. Die tiefer liegende Frage lautet: Wer lenkt den Wagen?<\/div>\n<h2 class=\"heading-2 mb-3 pt-2  lg:pt-1 xl:pt-2.5\">Weitere weise Geschichten<\/h2>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Diese Frage beschr\u00e4nkt sich nicht auf das alte Indien. Wer lenkt den Wagen eines menschlichen Lebens? Der Appetit? Der Ehrgeiz? Die Angst? Der Groll? Eine Ideologie? Die Masse? Oder Weisheit, Gewissen, Seele oder Gott? Arjunas Entscheidung wird damit zu einer universellen Frage: Wenn Macht und Weisheit getrennt voneinander angeboten werden \u2013 wof\u00fcr entscheiden wir uns? Denken wir an Salomo, der, als Gott ihm gew\u00e4hrte, sich alles zu w\u00fcnschen, was er begehrte, weder ein langes Leben noch Reichtum oder den Tod seiner Feinde w\u00e4hlte, sondern um \u201eein gehorsames Herz\u201c bat <a href=\"https:\/\/www.bibleserver.com\/LUT\/1.K%C3%B6nige3%2C9\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(1 K\u00f6nige 3,9)<\/a>, um \u201ezu verstehen, was gut und b\u00f6se ist\u201c.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Auch die griechische Mythologie vermittelt diese Art von Weisheit, und zwar durch verschiedene Bilder. Erinnern wir uns an K\u00f6nig Midas: Er w\u00fcnscht sich, dass alles, was er ber\u00fchrt, zu Gold wird. Sein Wunsch geht in Erf\u00fcllung. Doch das Geschenk wird zum Fluch: Essen, Getr\u00e4nke und selbst menschliche Zuwendung werden durch die Ber\u00fchrung seiner Gier leblos. Die Geschichte muss nicht direkt ausdr\u00fccken: \u201eGier ist schlecht.\u201c Sie tut etwas viel Wirkungsvolleres: Sie zeigt uns einen Menschen, der genau das bekommt, was er sich w\u00fcnscht \u2013 und entdecken muss, dass sein Wunsch t\u00f6dlich ist.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Midas ist ein geradezu ideales Gleichnis f\u00fcr ein kommerziell und technologisch gepr\u00e4gtes Zeitalter. Wir wissen, wie man Dinge monetarisiert, optimiert, misst und anh\u00e4uft. Doch der Mythos wirft die Frage auf: Was geschieht, wenn die \u201egoldene Hand\u201c die lebendige Welt zerst\u00f6rt? Was, wenn unsere F\u00e4higkeit, allem einen Preis zuzuweisen, letztendlich dazu f\u00fchrt, dass wir den Dingen ihren wahren Wert nehmen? Was, wenn sich das, was wir am meisten begehren, als das herausstellt, was uns aushungert? Wie Oscar Wilde in <a href=\"https:\/\/projekt-gutenberg.org\/authors\/oscar-wilde\/books\/lady-windermeres-faecher\/chapter\/5\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eLady Windermeres F\u00e4cher\u201c<\/a> aphoristisch feststellte, ist ein Zyniker \u201eein Mensch, der von allem den Preis und von nichts den Wert kennt\u201c.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Oder denken wir an den griechischen Mythos von Ikarus. Gemeinsam mit seinem Vater D\u00e4dalus entkommt er seiner Gefangenschaft mithilfe von Fl\u00fcgeln aus Federn und Wachs. D\u00e4dalus warnt seinen Sohn davor, zu nahe an die Sonne zu kommen. Doch Ikarus \u2013 berauscht vom Gef\u00fchl des Fliegens \u2013 steigt h\u00f6her und h\u00f6her. Das Wachs schmilzt, und er st\u00fcrzt in die Tiefe. Die \u00fcbliche Moral lautet: \u201eFlieg nicht zu hoch.\u201c Doch die Geschichte ist subtiler. Sie richtet sich nicht gegen das Fliegen. Das Fliegen ist schlie\u00dflich das Mittel, das die Befreiung erm\u00f6glicht. Die Gefahr liegt vielmehr in Freiheit ohne Selbstdisziplin, Erfindungsgeist ohne Demut, M\u00f6glichkeiten ohne jegliches Ma\u00df.<\/div>\n<div class=\"paragraph mb-5 pt-2.5 text-center xl:mb-[15px]\">\n<div class=\"mb-3 text-start\"><a href=\"https:\/\/images-de.epochtimes.de\/uploads\/2026\/09\/Val_van_Icarus.jpeg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/div>\n<div class=\"inline-block text-start\"><div class=\"group relative cursor-pointer\">\n<div class=\"\"><figure><img alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"700\" height=\"482\" data-nimg=\"1\" class=\"size-image_700_x wp-image-5607710 mb-[5px] transition-opacity duration-150\" style=\"color:transparent\" src=\"https:\/\/\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/09\/Val_van_Icarus-700x482.51e85312a1bc94169965a84afed5c0d3.webp\"><figcaption class=\"cursor-auto\"><p class=\"text-p-5\">\u201eDer Sturz des Ikarus\u201c von Adriaan Collaert (1560\u20131618), Druckgrafik, Rijksmuseum Amsterdam.<\/p>\n<div class=\"mt-[5px]\"><p class=\"text-caption min-w-36 italic\">Foto: gemeinfrei<\/p><\/div><\/figcaption><\/figure><\/div>\n<div class=\"absolute right-1 top-1 m-2 rounded bg-black p-1 text-white opacity-50 transition-opacity duration-150 group-hover:opacity-80\"><\/div>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Auch dies ist heute eine dringende Botschaft: Unsere Zivilisation fliegt der Sonne immer n\u00e4her entgegen. Wir erweitern unsere F\u00e4higkeiten durch Technologie, Wissenschaft, k\u00fcnstliche Intelligenz, Finanzen, Medizin und Kommunikation. Vieles davon ist wunderbar. Doch Ikarus fragt, ob wir die Weisheit besitzen, genau jene Kr\u00e4fte zu beherrschen, die wir selbst erschaffen. D\u00e4dalus verf\u00fcgt \u00fcber technisches K\u00f6nnen; Ikarus mangelt es an moralischem Ma\u00df \u2013 und genau dieser Unterschied k\u00f6nnte eines der entscheidenden Probleme der Moderne sein.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Dann gibt es noch \u00d6dipus, die wohl furchterregendste aller griechischen Weisheitsgeschichten. \u00d6dipus ist sehr klug, vielleicht sogar der kl\u00fcgste Mensch auf Erden, denn nur er kann das R\u00e4tsel der Sphinx l\u00f6sen. Er l\u00f6st das R\u00e4tsel und rettet Theben. Dennoch kann er das R\u00e4tsel seiner selbst nicht l\u00f6sen. Er sucht nach der Ursache f\u00fcr das Unheil, das die Stadt heimsucht, und entdeckt, dass er selbst dessen Ursprung ist. Er hat genau jene Prophezeiung erf\u00fcllt, die er so sehr zu vermeiden versucht hatte.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">\u00d6dipus lehrt uns, dass Intelligenz nicht dasselbe ist wie Selbsterkenntnis. Ein Mensch kann brillant und dennoch blind sein. Er mag gesellschaftliche Probleme l\u00f6sen, w\u00e4hrend er sich seiner eigenen Lage nicht bewusst ist. Deshalb ist der Spruch des Orakels von Delphi \u201eErkenne dich selbst\u201c nicht nur ein dekoratives Motto, sondern eher ein diamantenscharfer Aphorismus, eine wahrhaftige Warnung. Der Mensch ist gef\u00e4hrlich, wenn seine Klugheit seine Selbsterkenntnis \u00fcbertrifft.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Auch die biblische Tradition schenkt uns Erz\u00e4hlungen von ebenso gro\u00dfer Kraft. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn wird oft als einfache Geschichte von S\u00fcnde und Umkehr gelesen. Doch sie geht tiefer als das.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Der j\u00fcngere Sohn geht durch Ma\u00dflosigkeit, Verschwendung und Auflehnung verloren. Der \u00e4ltere durch Verbitterung, Selbstgerechtigkeit und seine Unf\u00e4higkeit, sich mitzufreuen. Die Barmherzigkeit des Vaters legt beides offen. Die Erz\u00e4hlung l\u00e4sst nicht zu, dass wir die Welt so sauber in S\u00fcnder und anst\u00e4ndige Menschen aufteilen. Beide S\u00f6hne m\u00fcssen wieder zu sich selbst und zueinander finden.<\/div>\n<div class=\"paragraph mb-5 pt-2.5 text-center xl:mb-[15px]\">\n<div class=\"mb-3 text-start\"><a href=\"https:\/\/images-de.epochtimes.de\/uploads\/2026\/09\/Pompeo_Batoni_003.jpeg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/div>\n<div class=\"inline-block text-start\"><div class=\"group relative cursor-pointer\">\n<div class=\"\"><figure><img alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"700\" height=\"973\" data-nimg=\"1\" class=\"size-image_700_x wp-image-5607707 mb-[5px] transition-opacity duration-150\" style=\"color:transparent\" src=\"https:\/\/\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/09\/Pompeo_Batoni_003-700x973.1864d033ed23c89978d7e03c45461598.webp\"><figcaption class=\"cursor-auto\"><p class=\"text-p-5\">\u201eDie R\u00fcckkehr des verlorenen Sohnes\u201c, 1773, von Pompeo Batoni. \u00d6l auf Leinwand, 138 \u00d7 100 cm. Kunsthistorisches Museum, Wien.<\/p>\n<div class=\"mt-[5px]\"><p class=\"text-caption min-w-36 italic\">Foto: gemeinfrei<\/p><\/div><\/figcaption><\/figure><\/div>\n<div class=\"absolute right-1 top-1 m-2 rounded bg-black p-1 text-white opacity-50 transition-opacity duration-150 group-hover:opacity-80\"><\/div>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Auch der barmherzige Samariter ist von gleicher Brillanz. Jesus wird gefragt: \u201eWer ist denn mein N\u00e4chster?\u201c Statt eine Definition zu liefern, erz\u00e4hlt er eine Geschichte.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Ein verletzter Mann wird von denjenigen ignoriert, von denen man eigentlich erwarten w\u00fcrde, dass sie ihm helfen, und schlie\u00dflich von einem Samariter gerettet, einem Angeh\u00f6rigen einer gesellschaftlich verachteten Gruppe. Das Gleichnis kehrt die urspr\u00fcngliche Frage um. Es geht nicht darum: \u201eWelche Menschen geh\u00f6ren zu meinen N\u00e4chsten?\u201c, sondern: \u201eBin ich bereit f\u00fcr den Menschen, der meine Hilfe braucht, selbst zum N\u00e4chsten zu werden?\u201c Die Geschichte beantwortet die Frage nicht einfach. Sie verwandelt sie.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Das Buch Hiob ist m\u00f6glicherweise die gr\u00f6\u00dfte Weisheitserz\u00e4hlung \u00fcberhaupt, weil es sich einer Vereinfachung entzieht. Die Spr\u00fcche lehren oft, dass Gerechtigkeit zum Segen und Bosheit zum Untergang f\u00fchrt. Hiob fragt, was geschieht, wenn Gerechte leiden und eine Erkl\u00e4rung nicht ausreicht. Die Freunde Hiobs geben konventionelle Antworten. Sie verteidigen ein geordnetes moralisches Universum. Doch Hiobs Leiden erschlie\u00dft ein tieferes Geheimnis. Weisheit besteht hier nicht in einer einfachen Formel, sondern in der Ehrfurcht vor einer Wirklichkeit, die gr\u00f6\u00dfer ist als unsere Erkl\u00e4rungen.<\/div>\n<div class=\"paragraph mb-5 pt-2.5 text-center xl:mb-[15px]\">\n<div class=\"mb-3 text-start\"><a href=\"https:\/\/images-de.epochtimes.de\/uploads\/2026\/09\/The_Bible_panorama_or_The_Holy_Scriptures_in_picture_and_story_1891_14761939436.jpeg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/div>\n<div class=\"inline-block text-start\"><div class=\"group relative cursor-pointer\">\n<div class=\"\"><figure><img alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"700\" height=\"869\" data-nimg=\"1\" class=\"size-image_700_x wp-image-5607713 mb-[5px] transition-opacity duration-150\" style=\"color:transparent\" src=\"https:\/\/\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/09\/The_Bible_panorama_or_The_Holy_Scriptures_in_picture_and_story_1891_14761939436-700x869.e98b40c85377e77298e4ce8ac3b75a61.webp\"><figcaption class=\"cursor-auto\"><p class=\"text-p-5\">\u201eHiob und seine Freunde\u201c, eine der Illustrationen von Gustave Dor\u00e9 f\u00fcr \u201eLa Grande Bible de Tours\u201c (\u201eDie Gro\u00dfe Bibel von Tours\u201c).<\/p>\n<div class=\"mt-[5px]\"><p class=\"text-caption min-w-36 italic\">Foto: gemeinfrei<\/p><\/div><\/figcaption><\/figure><\/div>\n<div class=\"absolute right-1 top-1 m-2 rounded bg-black p-1 text-white opacity-50 transition-opacity duration-150 group-hover:opacity-80\"><\/div>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Deshalb ist narrative Weisheit mit ziemlicher Sicherheit noch tiefgr\u00fcndiger als aphoristische Weisheit. Das Sprichwort belehrt. Geschichten lassen uns erfahren. Das Sprichwort sagt: \u201eHochmut zerst\u00f6rt.\u201c Die Geschichte dahinter schenkt uns jedoch \u00d6dipus. Das Sprichwort sagt: \u201eGier korrumpiert.\u201c Die Geschichte dahinter schenkt uns Midas. Das Sprichwort sagt: \u201eW\u00e4hle Weisheit statt Macht.\u201c Die Erz\u00e4hlung dahinter schenkt uns Arjuna, der sich f\u00fcr Krishna und gegen die Armee entscheidet.<\/div>\n<h2 class=\"heading-2 mb-3 pt-2  lg:pt-1 xl:pt-2.5\">Worte, die weiterleben<\/h2>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Geschichten bewahren Weisheit auch vor voreiliger Gewissheit. Eine Maxime oder ein Aphorismus kann zu schnell aufgegriffen, zu einem Ratschlag verflacht oder als Slogan verwendet werden \u2013 etwas, das uns heute vielleicht eher in Form des \u201eMemes\u201c vertraut ist. Eine wahre Geschichte widersetzt sich dem. Wir k\u00f6nnen \u00d6dipus, Hiob, Arjuna oder den verlorenen Sohn niemals vollst\u00e4ndig aussch\u00f6pfen. Sie ver\u00e4ndern sich, so wie wir uns ver\u00e4ndern. Wir kehren in unterschiedlichen Lebensphasen zu ihnen zur\u00fcck und entdecken neue Bedeutungen, weil wir selbst zu neuen Lesern geworden sind.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Die moderne Welt hat die Geschichten nicht verloren, aber sie hat oft die Gewohnheit verloren, sie mit Bedacht zu lesen. Wir konsumieren Erz\u00e4hlungen als Unterhaltung, als Ideologie, als Flucht aus der Wirklichkeit oder schlicht als \u201eContent\u201c. Die Menschen der Antike taten etwas Anspruchsvolleres. Sie lie\u00dfen sich anhand von Geschichten beurteilen. Sie fragten sich: Wo bin ich in dieser Geschichte? Bin ich Midas, der inmitten seines Goldes verhungert? Bin ich Ikarus, der M\u00f6glichkeiten mit Erlaubnis verwechselt? Bin ich \u00d6dipus, der jedes Problem l\u00f6st \u2013 au\u00dfer dem Problem seiner selbst? Bin ich der \u00e4ltere Bruder, nach au\u00dfen gehorsam, aber innerlich ohne Liebe? Bin ich Duryodhana, der sich f\u00fcr die Armee entscheidet? Oder bin ich Arjuna, der den Wagenlenker w\u00e4hlt?<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Die klassische Weisheit hat Bestand, weil sich das menschliche Dasein nicht ver\u00e4ndert hat. Unsere Mittel sind neu, unsere Versuchungen sind uralt. Wir tauschen nach wie vor die Seele gegen Erfolg ein, verwechseln Macht mit Wahrheit und Klugheit mit Weisheit; wir versuchen die Welt zu beherrschen, w\u00e4hrend wir uns selbst fremd bleiben. Die gro\u00dfen Geschichten bleiben bestehen, weil sie uns kennen. Und wenn wir sie richtig lesen, tun sie mehr, als nur den Verstand zu informieren: Sie wecken die Seele. Anders ausgedr\u00fcckt: Sie bringen uns zur\u00fcck ins Leben \u2013 ins wahre Leben.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\"><em>Dieser Artikel erschien im Original auf <a href=\"https:\/\/www.theepochtimes.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">theepochtimes.com<\/a> unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.theepochtimes.com\/bright\/classical-wisdom-part-2-when-truth-becomes-a-story-6076246\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eClassical Wisdom, Part 2: When Truth Becomes a Story\u201c<\/a>. (redaktionelle Bearbeitung: ee)<\/em><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":50862,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2113,7259,7198],"tags":[15854,15855,15856,15857,15858,14163,9132,15859,15860,2617,10251,15861,3028,1966,6351],"news-destination":[],"news-source":[7],"ta_other":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50861"}],"collection":[{"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50861"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50861\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50873,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50861\/revisions\/50873"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/50862"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50861"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50861"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50861"},{"taxonomy":"news-destination","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/news-destination?post=50861"},{"taxonomy":"news-source","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/news-source?post=50861"},{"taxonomy":"ta_other","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/ta_other?post=50861"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}