{"id":30163,"date":"2026-07-29T17:21:51","date_gmt":"2026-07-29T16:21:51","guid":{"rendered":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/?p=30163"},"modified":"2026-07-29T17:21:51","modified_gmt":"2026-07-29T16:21:51","slug":"die-abweichende-meinung-ist-das-neue-gold","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/2026\/07\/29\/die-abweichende-meinung-ist-das-neue-gold\/","title":{"rendered":"Die abweichende Meinung ist das neue Gold"},"content":{"rendered":"<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Es gibt in diesem Land einen Satz, den t\u00e4glich Tausende beginnen und den kaum jemand zu Ende bringt. Er lautet: \u201eIch wei\u00df ja nicht, ob man das heute noch sagen darf.\u201c<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Und dann geschieht etwas, das man einmal in Ruhe beobachtet haben muss: Der Sprecher sieht sich um. Nicht panisch, eher beil\u00e4ufig, so wie man pr\u00fcft, ob man den Schirm dabei hat. Er taxiert den Tisch, die Gesichter, die Runde. Was er dabei wahrnimmt, ist kein Risiko f\u00fcr Leib und Leben. Es ist etwas Feineres: der Preis f\u00fcr Sympathie. Was kostet mich dieser Satz an W\u00e4rme, an Zugeh\u00f6rigkeit, an der stillen Versicherung, noch dazuzugeh\u00f6ren? Er wird ihn nicht sagen, wenn dieser Preis zu hoch erscheint. Oder er sagt ihn halb, in jener weichgesp\u00fclten Fassung, die niemanden verletzt, weil diese Fassung nichts mehr behauptet.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Um diesen Halbsatz soll es gehen.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Denn eine Gesellschaft geht nicht dadurch zugrunde, dass man ihr das Reden verbietet. Sie geht zugrunde, weil sie sich das Reden abgew\u00f6hnt: freiwillig, h\u00f6flich, aus lauter R\u00fccksicht, und mit dem angenehmen Gef\u00fchl, sich anst\u00e4ndig zu verhalten. Politisch korrekt. PC eben.<\/div>\n<h2 class=\"heading-2 mb-3 pt-2  lg:pt-1 xl:pt-2.5\">Konsens aus Bequemlichkeit<\/h2>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Wer im Konsens aber eine Verschw\u00f6rung vermutet, untersch\u00e4tzt seine eigentliche Macht. Denn der Konsens braucht weder einen Plan noch einen Befehl. Er entsteht von selbst aus der Gewohnheit, aus der Anpassung und aus dem verst\u00e4ndlichen Wunsch, nicht bei jeder Frage von vorn beginnen zu m\u00fcssen.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Vielleicht liegt gerade darin seine St\u00e4rke. Er nimmt uns Entscheidungen ab und bewahrt uns vor der Zumutung, st\u00e4ndig selbst pr\u00fcfen zu m\u00fcssen, was richtig sein k\u00f6nnte. Das ist verdammt bequem, und Bequemlichkeit geh\u00f6rt zu den wirksamsten Kr\u00e4ften, die uns Menschen lenken.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Wie weit diese Kraft reicht, zeigte der Psychologe Solomon Asch bereits in den 1950er-Jahren. In seinen Versuchen sollten Menschen beurteilen, welche von mehreren Linien der L\u00e4nge einer vorgegebenen Vergleichslinie entspricht. Die richtige Antwort war ohne M\u00fche zu erkennen. \u00c4u\u00dferten jedoch mehrere eingeweihte Teilnehmer zuvor geschlossen eine offensichtlich falsche Einsch\u00e4tzung, schloss sich ein betr\u00e4chtlicher Teil der Versuchspersonen diesem Urteil an. Sie passten sich an.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Nicht, weil diese Menschen pl\u00f6tzlich schlechter sahen. Sondern weil es schwer ist, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen, sobald alle anderen etwas anderes zu sehen behaupten. Der Konsens stiftet Gemeinschaft. Er gibt wohlige Sicherheit \u2013 und genau darin liegt auch seine bindende Kraft.<\/div>\n<h2 class=\"heading-2 mb-3 pt-2  lg:pt-1 xl:pt-2.5\">Die vermeintlich guten Gr\u00fcnde<\/h2>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Die Geschichte ist voll von Menschen, die den Raum verlassen haben, in dem alle einer Meinung waren.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Galileis Fall wird dabei allerdings gern falsch erz\u00e4hlt, als Licht gegen Finsternis. In Wahrheit hatten die Gelehrten seiner Zeit ein ausgezeichnetes Argument: Z\u00f6ge die Erde tats\u00e4chlich ihre gewaltige Bahn um die Sonne, m\u00fcssten sich die Fixsterne im Jahreslauf verschieben. Man sah nichts dergleichen. Der Einwand war korrekt, die Sterne waren nur unvorstellbar viel weiter entfernt, als irgendjemand ahnte. Die Lehre daraus: Der gef\u00e4hrlichste Konsens ist nicht der dumme. Es ist der, der vermeintlich gute Gr\u00fcnde hat!<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Ignaz Semmelweis bemerkte 1847 in Wien, dass in der von \u00c4rzten gef\u00fchrten Abteilung der Geburtsklinik weit mehr Frauen am Kindbettfieber starben als bei den Hebammen. Er zog den einzig m\u00f6glichen Schluss und ordnete die H\u00e4ndedesinfektion an.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Die <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/ignaz-philipp-semmelweis-retter-der-muetter-edb1846a-ea5c-4764-8dd0-08723fe0f215\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sterblichkeit<\/a> an Kindbettfieber brach von rund 18 auf 1 bis 2 Prozent ein. Man dankte es ihm nicht; man empfand seine Beobachtung als Beleidigung des Standes. Semmelweis starb 1865 in einer Anstalt \u2013 17 Jahre, bevor die Bakteriologie ihm recht gab. Die Zahlen hatten von Anfang an gestimmt. Es hatte nur niemand Lust, sie zu lesen.<\/div>\n<h2 class=\"heading-2 mb-3 pt-2  lg:pt-1 xl:pt-2.5\">Unterschied zwischen Mehrheit und Beweis<\/h2>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Als 1931 eine Streitschrift zur Widerlegung der Relativit\u00e4tstheorie mit dem Titel <a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/HundertAutorenGegenEinstein\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eHundert Autoren gegen Einstein\u201c<\/a>\u00a0erschien, soll Einstein trocken bemerkt haben: W\u00e4re er im Unrecht, h\u00e4tte ein Einziger gen\u00fcgt.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Dieser Satz beschreibt den logischen Unterschied zwischen einer Mehrheit und einem Beweis. Eine Meinung wird nicht dadurch richtig, dass viele sie teilen. Sie wird dadurch nur teuer, ihr zu widersprechen.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Am 11. September 1933 erkl\u00e4rte Ernest Rutherford, der Entdecker des Atomkerns, wer aus der Umwandlung von Atomen Energie zu gewinnen hoffe, rede Unsinn.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Am n\u00e4chsten Morgen las <a href=\"https:\/\/priceonomics.com\/leo-szilard-a-forgotten-father-of-the-atomic-bomb\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Le\u00f3 Szil\u00e1rd<\/a> den Bericht, ging spazieren und begriff an einer Londoner Ampel, wie eine nukleare Kettenreaktion funktionieren m\u00fcsste. Zwischen dem Urteil des bis dahin gr\u00f6\u00dften Fachmanns der Welt und seiner Widerlegung lagen ein Tag und ein Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcbergang.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Die Kunst ist kein besserer Ort: Als Dave Brubecks Quartett ein Album ausschlie\u00dflich mit ungeraden Taktarten vorlegte, hielt die Plattenfirma das f\u00fcr ein Experiment ohne Publikum. Tanzen k\u00f6nne man dazu nicht und was man nicht tanzen k\u00f6nne, kaufe niemand. Dann erschien \u201eTake Five\u201c, im F\u00fcnfvierteltakt geschrieben von Paul Desmond, und wurde die meistverkaufte Jazz-Single der Geschichte.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Nun die n\u00fcchterne Wahrheit, die das hohe Lied erst glaubw\u00fcrdig macht: Die meisten, die dem Schwarm widersprechen, irren. F\u00fcr jeden Semmelweis gibt es tausend Erfinder des Perpetuum mobile. Aber niemand, kein Gremium und kein Ministerium kann vorher wissen, welcher der tausend Sonderlinge der eine ist.<\/div>\n<h2 class=\"heading-2 mb-3 pt-2  lg:pt-1 xl:pt-2.5\">Die Meinung, auf die es ankommt<\/h2>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">John Stuart Mill hat daraus 1859 die einzige haltbare <a href=\"https:\/\/www.gutenberg.org\/files\/34901\/34901-h\/34901-h.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Folgerung<\/a> gezogen: Wir sch\u00fctzen die abweichende Meinung nicht, weil sie recht hat, sondern weil sie recht haben k\u00f6nnte. Wir m\u00fcssen sie sch\u00fctzen, weil sie selbst im Irrtum meist ein K\u00f6rnchen enth\u00e4lt, das der herrschenden Ansicht fehlt; und weil eine Wahrheit, die nie mehr bestritten wird, zu einem Bekenntnis erstarrt, das man nachplappert, ohne zu wissen, warum.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Wer den Preis des Widersprechens auch nur ein wenig erh\u00f6ht, bekommt nicht weniger falsche Meinungen. Er bekommt einfach weniger Meinungen. Und unter denen, die dann fehlen, ist statistisch zwingend die eine, auf die es angekommen w\u00e4re.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Schlagen Sie Stellenanzeigen aus den Jahren um 2010 auf. Dort stand: \u201eWir suchen Querdenker.\u201c Es war das h\u00f6chste Lob der Wirtschaft. Der Querdenker war der, der im Meeting die Frage stellte, die alle f\u00fcr erledigt hielten. Man stellte ihn ein, obwohl er unbequem war, und bef\u00f6rderte ihn, gerade weil er es war. Wer quer dachte, war teuer. So wurden oft auch Stars geboren. Innerhalb weniger Jahre wurde aus diesem Ehrentitel ein Vorwurf, aus dem Kreativen der Querulant.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Wer heute in einer Konferenz quer denkt, denkt einen Moment lang mit daran, wie das aussieht. Und so gilt in der Politik: Wer die Bedeutung eines Wortes beherrscht, beherrscht, was ohne Kosten gedacht werden kann. Das ist die billigste Form der Macht, und sie kommt ohne einen einzigen Paragrafen aus.<\/div>\n<h2 class=\"heading-2 mb-3 pt-2  lg:pt-1 xl:pt-2.5\">Gefangen in der Schweigespirale<\/h2>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Die Folgen werden aktuell gemessen: Kann man in Deutschland seine politische Meinung frei sagen, oder ist es besser, vorsichtig zu sein? Anfang der 1990er-Jahre antworteten fast vier von f\u00fcnf B\u00fcrgern: \u201efrei\u201c.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Im Herbst 2025 waren es nach <a href=\"https:\/\/\/epochtimesde\/news\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/07\/FAZ_Oktober2025_Freiheit.c69382d44548ef522969cf6de9d42f64.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Allensbach<\/a> noch 46 Prozent; 44 Prozent rieten zur Vorsicht. Die Mehrheit dieses Landes z\u00e4hlt sich also nicht mehr zu denen, die frei sprechen.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Elisabeth Noelle-Neumann hat den Mechanismus \u201edie Schweigespirale\u201c genannt: Menschen sp\u00fcren mit feinem Sinn, welche Meinung im Fallen ist, und verstummen, lange bevor sie in der Minderheit sind. Ihr Schweigen wird als Zustimmung gelesen, was das Schweigen verst\u00e4rkt. Die Spirale dreht sich, ohne dass jemand sie drehen m\u00fcsste.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Darum, ohne Z\u00f6gern und ohne Angst: Die abweichende Meinung ist das Gold unserer Tage. Nicht, weil sie sch\u00f6ner gl\u00e4nzte, sondern weil sie selten ist, und weil das, worauf es sp\u00e4ter einmal ankommt, immer in ihr steckte und in keinem Konsens je gefunden wurde.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Man muss dieses Gold nicht anbeten. Man muss es aushalten, auch wenn es in einer Hand liegt, die man nicht sch\u00e4tzt.<\/div>\n<div class=\"mb-5 xl:mb-[15px]\">Man muss die Menschen ehren, die es wagen, und den Mut haben, den es kostet. Und man muss, wenn es so weit ist, am Tisch sitzenbleiben, den Blick nicht senken und den Satz zu Ende sprechen.<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":30164,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7737,134,7259,7198],"tags":[],"news-destination":[],"news-source":[7],"ta_other":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30163"}],"collection":[{"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30163"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30163\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30165,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30163\/revisions\/30165"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/30164"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30163"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30163"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30163"},{"taxonomy":"news-destination","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/news-destination?post=30163"},{"taxonomy":"news-source","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/news-source?post=30163"},{"taxonomy":"ta_other","embeddable":true,"href":"https:\/\/euapp01.newsmemory.com\/epochtimesde\/news\/wp-json\/wp\/v2\/ta_other?post=30163"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}